10 Gründe, warum man sich auf Hertha freuen darf

On 26. Oktober 2012 by gialloblu

Nach Jahrzehnten der unfreiwilligen Trennung ist es morgen soweit: Endlich darf Eintracht auch in der Liga (und nicht nur im Pokal) ein Heimspiel gegen Hertha bestreiten. Schuld an den jahrzehntelang getrennten Wegen ist in diesem Fall nicht der Bau der Berliner Mauer, sondern Eintrachts sportlicher Crash in den 90er Jahren: Als Hertha in der Champions League Gegner wie Barcelona, Chelsea oder AC Mailand begrüßte, dribbelten Eintrachts Halbprofis zwischen Herzlake und Celle den Ball um die Kuhfladen. Heute ist für Hertha die Zweiten Liga ungefähr das, was das österreichische Fernsehen für Sido war: kein Ort, wo man lange bleiben möchte. Doch wir Braunschweiger fühlen uns in der Liga zur Zeit so wohl wie ein Löwe auf seinem sonnigen Felsen. Und aus zehn Gründen freuen wir uns, dass morgen unser Gegner Hertha heißt:

#1: Old School
Was verbindet mehr als eine lange, gemeinsame Geschichte? In den 70ern waren beide Vereine noch Spitzenteams in der Bundesliga. 1981 duellierten sich beide Vereine bereits eine Etage weiter unten, in der Zweiten Liga Nord. Wie Eintracht das Spiel im Olympiastadion am Abend der Alliierten-Parade drehte! 1988 fand der nächste Klassiker ein weiteres Stockwerk tiefer statt, nämlich in der Aufstiegsrunde zur Zweiten Liga: Sound Express präsentierten „Wir, wir, wir sind die Eintracht“ live im Stadion, und Savic traf mit später Bogenlampe über Torwart Junghans zum Siegtor! Zwei Wochen vor dem Mauerfall begannen sich unsere Wege zu trennen, als Theo Gries mit Gipsarm Hertha Richtung Aufstieg schoss. 2004 dann das Pokalspiel, als Regionalligist Eintracht den Bundesligisten Hertha vor die Tür setzte. Was für ein feiner Kopfballspieler der Braunschweiger Junge Madlung doch ist! Viele gemeinsame Erinnerungen aus vielen Jahrzehnten, da macht das Wiedersehen Freude!

#2: Gästekarten
Oft gucken wir in den Gästeblock und sehen das große Nichts: 80 Fans aus Paderborn. 70 Fans aus Regensburg. Nächste Woche vielleicht 50 aus Freiburg und 40 aus Sandhausen. Herthas Gästekontigent, etwa 2000 Karten, war innerhalb von einer Stunde ausverkauft. Ein guter Gegner weiß, dass eine Reise nach Braunschweig ein Erlebnis ist!

#3: Spielerwechsel
Viele Spieler wechselten in die eine oder andere Richtung den Verein: Eintrachts Meistertorwart, Luffe Wolter. Eintrachts letzter Feldspieler in Deutschlands A-Elf, Bernd Gersdorff. Ein Pokalheld von 2003, Michel Mazingu-Dinzey. Und wer weiß, in welchem Verein Marc Arnold heute als Manager arbeiten müsste, wenn Hertha den Spieler Arnold nicht an Braunschweig abgegeben hätte: Bielefeld? Chemnitz? Oberneuland? Die Antwort will niemand wissen.

#4: Exoten
Der typische Eintracht-Spieler kam einst ablösefrei aus einem unterklassigen Verein im Südwesten – von den zweiten Mannschaften aus Kaiserslautern oder Mainz, aus Mechtersheim oder Idar-Oberstein. Klingt jetzt nicht wahnsinnig aufregend, oder? Jahrelang war der typische Hertha-Spieler wesentlich exotischer: Er kam aus Brasilien, kostete ein paar Millionen Ablöse, scheiterte auf dem Weg zum Training schon an der Schranke vom Parkhaus, kam erst im März aus dem Weihnachtsurlaub zurück, und baute von seinem Gehalt eine halbfertige Ferienanlage auf dem Sojabohnenfeld seiner Eltern. Eins muss man Hertha lassen: Der Verein hatte stets unterhaltsame Typen im Kader! Zufällig fällt mir in dieser Sekunde ein, dass ich Dieter Hoeneß gerne als neuen Manager in Wolfsburg sehen würde.

#5: Ghetto Style
Als Herthas Schuldenberg immer größer wurde, gab der Verein vielen Nachwuchsspielern einen Profivertrag, womit allerdings nicht jedes Talent mental klar kam. Sogar das Straßenbild von Berlin veränderte sich: hier ein umgetretenes Moped, dort ein abgetretener Außenspiegel, da drüben eine Ex-Freundin, die ihr geklautes Portemonnaie sucht. Hertha hatte in den letzten Jahren ganz klar die krassesten Käfig-Fußballer im ganzen Land. Sozusagen das komplette Gegenteil von Löws nutella-Boys. Dafür verdient der Verein ein richtig fettes Lob!

#6: Schleudersitz
Jahrelang suchte Hertha bei der Kaderplanung die perfekte Balance zwischen überbezahlten Legionären und jugendlichen Intensivtätern. Frage: Kann man so einen Sauhaufen langfristig erfolgreich trainieren? Die Antwort: Nein! Seit Torsten Lieberknecht Trainer in Braunschweig wurde, haben auf Herthas Bank neun Trainer ihr Glück versucht. Angeblich knallte der eine lieber die Sekretärin von der Geschäftsstelle, ein anderer pflegte lieber seine Neigung zum Alkohol. Wenn gar nichts mehr geht, holt man mal wieder einen Übungsleiter der ganz alten Schule zurück aus der Rente: zum Aufwärmen Sackhüpfen und Bockspringen, anschließend eine Runde um den Platz im Entengang, dann ein Spiel Vier gegen Vier auf dem Großfeld. Hertha hatte schon immer ganz besondere Trainer! Zufällig fällt mir in dieser Sekunde ein, dass ich Otto Rehhagel gerne als neuen Coach von Wolfsburg sehen würde.

#7: Fußballmafia DFB
In diesem Spannungsfeld aus Spielern und Trainern, die fast niemals zueinander passen, blieb ein Wesen in den vergangenen Jahren etwas ratlos auf der Strecke: der Hertha-Fan. Jahrelang konnte er sich nicht erklären, warum aus der ehemaligen Spitzenmannschaft der Bundesliga inzwischen eine Fahrstuhlmannschaft geworden ist. Doch irgendwann kam die rettende Einsicht: Hertha ist das wöchentliche Opfer eines landesweiten Schiedsrichter-Komplotts! Ich freue mich auf Hertha, denn von keinem Gegner kriegt man auf der Rückreise im Zug folgende Spielanalyse zu hören: „Am eins null für Eintracht war der Schiri Drees Schuld, weil bei Davaris Abstoß kurz zuvor lag der Ball janz klar drei Zentimeta außahalb vom Torraum. Und am zwee null von Pfitzner war Schiri Winkmann Schuld. Der hätte dem Pfitzner letzte Woche in Dresden nämlich jelb/rot zeijen müssen. Und Schiri Meier is dran Schuld, dass Hertha heute keen Tor schoss, weil der ließ letzte Woche in Bochum den Elfmeta für Hertha wiedaholen, und dadurch hatt’a unseren Sandro Wagner so kirre jemacht, dass’a bis heute keen Ball mehr trifft. Wat ham die Hertha ma wieda alle va’fiffen!“

#8: Dampfer Hertha
Der Start fiel schwer, doch dann kam Hertha schwer in Fahrt – so könnte man die bisherige Saison aus Charlottenburger Sicht zusammenfassen. Wir freuen uns auf Hertha, weil die Berliner inzwischen (mit) die stärkste Mannschaft der Zweiten Liga sind. Gute Spieler und ein guter Trainer –  als Summe ergibt dies gute Chancen auf ein gutes Spiel!

#9: Förderung eines sicheren Stadionerlebnisses
Sippenhaft für Fanclubmitglieder? Kürzung von Fernsehgeldern bei „negativen“ Fangesängen? Leider tat unser Verein uns nicht den Gefallen, das von der DFL vorgelegte Eckpunktepapier offiziell und öffentlich zu zerknüllen. Schön, dass Hertha als einer der ersten Vereine das Papier ablehnte. Hertha, dit hast’e fein jemacht!

#10: Traumergebnisse
Am allermeisten würden wir uns natürlich über Hertha freuen, wenn sie am Samstag brav die drei Punkte in Braunschweig lässt. Vielleicht mal wieder ein 4:2 nach einem 1:2, so wie 1981? Oder ein 2:1 in letzter Minute, so wie 1988? Auch ein 3:2 nach zwischenzeitlichem 0:1, so wie 2004 im DFB-Pokal, hätte was.
An dieser Stelle muss ich von meinem Albtraum von letzter Nacht erzählen: Eintracht und Hertha laufen ins Stadion ein. Doch was haben Herthas Spieler an ihrem Unterarm? Alle Elf tragen einen Gips, so wie damals Theo Gries! In meinem Traum machte ich mich prompt auf den Weg zum Bierstand, denn ich wusste, dass Eintracht in diesem Spiel keine Chance haben würde…

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