Stille Nacht, heilige Nacht

On 16. Dezember 2012 by gialloblu

Adventszeit, Weihnachtszeit – du selige Zeit. Und vorweihnachtliche Wunder geschahen so zahlreich in der vergangenen Woche. Montag: Kaum war weißer Schnee leise auf die A2 gerieselt, bescherte die Eintracht ihren Fans diese unvergessliche Schlussphase in Köln. Läutet die Kirchenglocken, preiset Ermin und sein Tor in der Nachspielzeit! Dienstag: Jeder Eintracht-Fan schrieb „Wollmütze“ auf seinen Wunschzettel, denn Lieberknechts Wollmützen-Wedler, sein Rotatorjubel, sein Helicaptor, ließ ihn endgültig zum Sohn des Trainergotts Johannsen werden. Mittwoch: Schrottwichteln, dachten Viele. Denn welches Geschenk wichtelte der gemeine Fan? Ganz was Feines aus dem Ideen-Thinktank der DFL – das Sicherheitskonzept. Daneben sieht selbst die selbstgestrickte Unterhose von Tante Erna wie ein Hauptgewinn aus! Genau diese Unterhose könnte wohl in Zukunft vom Ordnungsdients im Zelt hinterm Gästeblock peinlich genau kontrolliert werden. Und dann der Freitag: 22 Weihnachtsmänner in rot und weiß, Elf vom 1.FC Kaiserslautern, Elf von Energie Cottbus. Welch schöne Bescherung! Weihnachtspunsch allez, denn Eintrachts Vorsprung auf die Plätze drei und vier kann, am letzten Spieltag des Jahres 2012, nicht mehr schrumpfen!

Scheinbar gab es also fast nur gute Nachrichten, wenn, ja wenn der Mittwoch nicht gewesen wäre: die DFL und ihr Sicherheitskonzept. Ein Thema, als dessen Konsequenz viele Fans eine Stimmung wie in England erwarten, wo sich bei Vereinen wie Arsenal und Chelsea gut verdienende Familienväter, Investmentbanker und Touristen aus Russland und China gegenseitig auf den Tribünen anschweigen. Trotzdem stimmten am Mittwoch bis auf St.Pauli und dem 1.FC Union alle Vereine der DFL für einen Maßnahmenkatalog, der in besonderen Fällen sogar eine Reduzierung der Kartenkontingente für Gästefans vorsieht. Der gemeine Fan fragt sich: „Warum?“. Oder, wie der Engländer sagen würde, „Why?“

Dabei ist die Erklärung für das Stimmverhalten von 34 von 36 Vereinen der DFL doch ziemlich logisch: Denn am Mittwoch, dem Tag der Abstimmung über das Sicherheitspapier, kam aus England die frohe Botschaft, dass man einen Gästeblock – auch ohne Fußballfreunde – mit fröhlicher Stimmung und wohlklingenden Gesängen füllen kann. Mit anderen Worten: Das moderne Stimmungserlebnis braucht überhaupt keine Gästefans, um im Gästeblock für Stimmung zu sorgen. Hurra! Oder, wie der Engländer sagen würde, Hooray!

Denn Folgendes begab sich, wie am Mittwoch gemeldet wurde, am vergangenen Samstag in England: Vor dem Spiel Port Vale gegen Chesterfield (League Two, also vierte Liga) wurden zwei verdächtige Reisebusse auf der Autobahn kurz vor Stoke – der Heimatstadt von Port Vale – von einer Motorradeskorte der Polizei abgefangen. Mit Blaulicht führten die Motorräder die Reisebusse direkt zum Stadion. Hinterm Gästeblock angekommen betrat einer der Polizisten den Bus. Dort stellte er zu seiner Überraschung fest, dass beide Busse keine Fans beförderten – sondern bloß einen Chor älterer Ladies, die irgendwo in Stoke ein Adventskonzert geben wollten. Ouch!

Oder handelten die örtlichen Bobbies vielleicht aus Absicht? Denn in der modernen Welt des Fußballs lassen sich Gästefans doch wunderbar durch friedliche, qualifizierte Kräfte ersetzen. Es reicht doch, wenn die Polizei kurz vor Anpfiff ein paar Busse von der Autobahn rauswinkt und zum Stadion fährt. Mal ganz ehrlich: So ein Weihnachts-Chor singt tausend mal schöner als diese jugendlichen Ultras und alten Besoffenen, die sich sonst immer in Deutschlands Gästeblöcken auf den Füßen stehen. Mal ganz im Ernst! Seriously!

Aus diesem Grund wäre es zu begrüßen, wenn morgen für Eintrachts Hochsicherheitsspiel gegen den 1.FC Union überhaupt keine Eintrittskarten an die Gäste gegangen wären. Viel sinnvoller wäre es, nach englischem Vorbild ab 19:00 Uhr einfach wahllos ein paar Reisebusse per Polizeikelle zur Weiterfahrt Richtung Eintracht-Stadion zu zwingen: Ein Bus voller lettischer Bauarbeiter, die nach einer Razzia durch den holländischen Zoll zurück auf dem Weg Richtung Heimat sind? Mit euren Bauarbeiterhelmen geht ihr glatt als Unioner Stadionbauer durch! Ein Bus mit einer polnischen Schülergruppe auf dem Weg in die Ski-Freizeit in den Alpen? Stellt euch mit eurer Landesfahne vorne in den Block, dann kann man euch für rot-weiße Union-Ultras halten! Der Kirchenchor Uetze auf dem Weg zum Adventskonzert in Wittenberg? Singt hinten im Gästeblock Weihnachtslieder, so wie es unter Union-Fans in dieser Jahreszeit seit Jahren üblich ist! Ruckzuck ist mit ein paar spontan abgefangenen Bussen der Gästeblock voll, ohne dass auch nur einer dieser gefährlichen Bengalo- und Stimmungsboykott-Hooligans den Weg in den Gästeblock findet!

So singen also zum Ende dieser kleinen Weihnachtsgeschichte alle Engel fröhlich im Himmel. Denn spätestens jetzt erkennen wir: Die vergangene Woche war durchgehend gut, vom Montag bis zum Freitag. Ja, auch der Mittwoch, an dem das Sicherheitskonzept beschlossen wurde, war ein wunderbarer Tag. Denn die DFL hat einfach nur beschlossen, dass Gästeblocks qualitativ ganz klar aufgewertet werden: Denn der auf der Autobahn spontan eingefangene Auswärtsfan wird schöner singen und er wird keine Pyros in seiner selbstgestrickten Unterhose ins Stadion schmuggeln. Außerdem ist er sowieso im Bus in Stadionnähe unterwegs, so dass niemand unnötig weite Anreisewege in Kauf nehmen muss – schon gar nicht bei den blöden Anstoßzeiten am Montag Abend. Halleluja! Thank you, DFL!

Und mit dieser frohen Botschaft möchte ich in diesem Jahr schließen, und wünsche jedem Leser Frohe Weihnachten. Oder, wie man im Mutterland der stillen und heiligen Stadionnächte sagen würde: Merry Christmas!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*