Stimmung in Paderborn – geht doch!

On 4. Februar 2013 by gialloblu

paderborn_logo„Stimmung“ und „Paderborn“ – zwei Worte, die ähnlich gut zueinander passen wie „Tradition“ und „Wolfsburg“, wie „nutella-Boys“ und „Weltmeister“, oder wie „Django Unchained“ und „französisches Erzählkino“. Machen wir uns nichts vor: Der SC Paderborn 07 (Steht „07“ für „überflüssig an 07 Tagen der Woche“? ) ist ein Verein, den außerhalb von Ostwestfalen kein Mensch vermissen würde. Gegründet an einem Tag im Sommer 1985, als Eintracht Braunschweig gerade aus der Bundesliga abgestiegen war, als Kanzler Kohl Urlaub am Wolfgangsee machte und als „You can win if you want“ von Modern Talking weit oben in den Charts stand. Mit anderen Worten: Entrachts Niedergang begann ziemlich genau an jenem finsteren Tag, als der SC Paderborn gegründet wurde.

Auch musikalisch hat der SC Paderborn das Gründungstrauma von 1985 nie bewältigt. Vor dem Spiel – und natürlich zu Beginn der Halbzeitpause – gibt es in der Arena eine Dauerbeschallung, die an die Musikfolter auf Guantanamo erinnert: Während der Widerstand des Talibans im karibischen Knastlager durch Endloswiederholungen von Britney Spears oder der Melodie der Sesamstraße gebrochen wird, spielt man in Paderborn Queen und einen Elektropop, wie es ihn Mitte der 80er gab: Es ballert das E-Drumkit, eine Melodie quillt wie klebrige Zuckerwatte aus dem Plastik-Synthesizer, dazu singt eine brave Männerstimme Gaga-Reime: „Dein Name Musik in unseren Ohr’n – SC Paderborn.“ Oder „Halbzeit, ich bin bereit.“ Ja, ich gestehe, dass ich jahrelang geheime Ausbildungslager in der Wüste von Mali aufgebaut und geleitet habe. Aber bitte macht endlich diese Musik aus!

Natürlich könnte es theoretisch sein, dass dieser Sound den Einheimischen ganz gut gefällt. Es gibt ja auch Leute, die noch heute Vokuhila, bunte Hornbrillen und blau-grüne T-Shirts mit Schulterpads tragen. Leute, die auf Partys gerne den Ententanz tanzen. Leute, die gerne Musik hören, wie sie normalerweise nur im Tanzzelt auf dem Kirchentag gespielt wird. Doch offensichtlich hat selbst der ostwestfälische Arenabesucher wenig Spaß an dieser Form der Beschallung: Sobald die Stadionregie die Mucke ausknipste – also Sekunden nach dem Anpfiff – herrschte nicht nur im Gästeblock, sondern auch im Heimblock schockiertes Schweigen. Die Taktik der Stadionregie: Shock and Awe! Unsere Paderborner Zuschauer kriegen wir sowieso nicht zum Singen, also können wir mit volle Pulle Queen und 80er-Jahre-Trash die Gäste zum Schweigen bringen! Hat zwar gegen Braunschweig am Samstag nur für ein paar Minuten funktioniert, doch die Idee ist eigentlich ganz schön schlau!

Dass ein Stadionsprecher mit einfachsten Mitteln für richtig gute Stimmung im Gästeblock sorgen kann, bewies er – sicherlich unabsichtlich – wenige Minuten vor dem Abpfiff am letzten Samstag. Er begann, ein paar Verbindungen für WET-Fahrer zu verlesen, die über Hildesheim und über die unaussprechliche Stadt nach Hause fahren konnten. Bei Nennung dieses Städtenamens war prompt Schlussoffensive im Gästeblock! Ein Stadion oder eine Arena lässt sich also ganz simpel mit (Schmäh)gesängen füllen – nicht, indem man debile Lieder bei voller Lautstärke abspielt, sondern indem man einfach aus dem Kursbuch der Deutschen Bahn vorliest.

Sollte am kommenden Freitag in den Schlussminuten gegen Aalen die Stimmung etwas mau sein, könnte sie ebenfalls mit ein paar Ansagen für Bahnreisende aufgepeppt werden: „Um 20:31 fährt ein ICE über Wolfsburg! …nach Berlin! Um 20:43 fährt ein IC über Magdeburg! …nach Dresden! Und um 21:19 fährt ein IC über Hannover! …nach Köln!“ Auch die Gäste aus der Schwäbischen Alb könnten am Freitag Abend mit Reiseinfos animiert werden: „Nach Ankunft am Rathaus von Aalen haben Sie Anschluss mit dem Postbus in Dörfer, deren Namen auf -bach, -feld, -gmünd und -heim enden.“ Ich sehe schon eine Stimmungsexplosion im Aalener Block. Ich höre schon Lieder, in denen Sodomie und Inzest auf der Alb mit erschreckenden Details beschrieben werden. So viel Stimmung bei so wenig mitgereisten Fans!

Deshalb an dieser Stelle unsere Bitte an Paderborn: Sollten wir mal wieder bei euch spielen – vermutlich wird dieser Tag irgendwann mal kommen – überdenkt doch bitte euer Animationsprogramm. Spielt bitte keinen Disco-Trash mit Text-Trash wie „Noch ist nichts verlor’n – SC Paderborn“ oder „Jetzt ist Pause, geh nicht nach Hause“. Lest stattdessen schon vor dem Spiel und während der Halbzeit ein paar Zugverbindungen nach Osnabrück, Bielefeld, Hannover und Braunschweig vor. Wir werden es euch mit gewohnt guter Stimmung danken!

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