Liebe emotionslose Verantwortliche des FC Ingolstadt 04,

On 26. April 2013 by togo

ich war zunächst erschüttert über die Information, dass man den Braunschweiger Anhängern bei einem möglichen Drei-Punkte-Gewinn gegen Ihre Fußballmannschaft und den damit verbundenen Aufstieg in die Elite-Klasse des deutschen Fußballs, quasi die Freude darüber verbieten will. Kein – in solchen Moment üblichen – „Platzsturm“, um mit dem Team, UNSEREN LEGENDEN, diesen historischen Moment, ein weiteres, herausragendes Ereignis in unserer nahezu 120-jährigen Vereinsgeschichte, feiern zu lassen. Keine für uns Fans traditionell übliche Choreografie, um UNSEREN HELDEN und umsichtigen Verantwortlichen dafür zu danken, dass Sie ohne die Seele des Vereins zu verkaufen, mit einem für Zweitligaverhältnisse mickrigen Etat etwas unglaubliches geschaffen haben und uns nach 28 Jahren wieder in die Liga zurück führen, die unsere Eintracht 1963 mit gegründet hat. Ja, ich war erschüttert, sogar empört! Doch dann habe ich darüber nachgedacht, woher solch eine Ignoranz gegenüber Traditionen, Emotionen und Sitten herrühren kann und bin über einige Dinge gestolpert, die mir vieles klar werden ließen.

Da ist zunächst erst einmal das Gründungsjahr. Null-Vier. Wer sich nur oberflächlich mit Fußball befasst, könnte meinen, dass der FC Ingolstadt auf eine langjährige Tradition zurückblicken kann. Null-Vier, das klingt nach 109-jähriger Vereinsgeschichte. Das klingt nach Namhaften Clubs wie BVB 09, nach S04, TSV 1860 München, Düsseldorfer Turn- und Sportverein Fortuna 1895 e. V., oder gar der von uns nicht so sehr geliebte Hannoversche Sportverein von 1896 e. V.. Dass Sie, liebe Verantwortliche, gerade mal auf satte neun Jahre Bestandszeit zurückblicken können, erklärt ein wenig warum Sie von Tradition so gar keine Ahnung zu haben scheinen. Deshalb können Sie den Worten unseres Trainers auch wohl eher wenig abgewinnen, der da sagte, man solle „Tradition nicht als Last, sondern als Chance sehen. Unser Spagat in Braunschweig besteht darin, dass wir mit der Tradition leben; uns ist bewusst, dass Tradition ein großes Pfund und ein Vorteil gegenüber vielen anderen Vereinen ist. Ganz wichtig ist dabei auch, dass man diese Tradition nicht verkauft.“. Gehen Sie einfach davon aus, dass der FC Ingolstadt 04 – selbst wenn Sie mit Ihrem Hauptsponsor AUDI zusammen das gesteckte und dann wohl möglich auch gekaufte Ziel „Aufstieg zum 10-jährigen Jubiläum“ schaffen sollten – von Tradition so weit entfernt sind, wie Uli Hoeneß davor, Deutschlands Obermoralist schlechthin zu werden. Was mich auf eine zweite Auffälligkeit aufmerksam werden ließ.

Mit einem Zuschauerschnitt von 6800 rangiert Ihr kleines Unternehmen auf dem drittletzten Platz der Zuschauertabelle. Natürlich ist das nicht das schlechteste Ergebnis, aber weit davon entfernt sich von Vereinen abzusetzen wie FC Heidenheim, Hallescher FC in der 3. Liga, oder RW Essen in der Regionalliga. Wenn man dazu noch bedenkt, dass die benachbarten Gegner wie der TSV 1860, der Jahn Regensburg oder gar VfR Aalen (letzterer eher auf Grund der Entfernung) und traditionell bedingt Kaiserslautern und Dresden die meisten Zuschauer mitgebracht haben, dann relativiert sich die Angabe sogar noch. Wie sollte sich auch in einer gerade mal zehnjährigen Lebenszeit so etwas wie Identifikation und Vereinstreue entwickeln, wenn Sie es nicht einmal hin bekommen, über 3% der Bevölkerung der Stadt für Ihren Verein und vor allem Zweitliga-Fußball zu begeistern. Noch nicht mal Ihr Hauptsponsor kann seine über 34.000 Mitarbeiter von der Notwendigkeit überzeugen, noch einen Retorten-Club in Deutschland zu etablieren. Nein, ich denke und bin mir ziemlich sicher, auch die etwas über 3.500 armen Seelen, die Ihrem Laden die zweifelhafte Treue halten, werden Ihnen kaum etwas von Rituale im Fußball näher bringen können. Und dann war auch der letzte Punkt für mich über aller Maßen einleuchtend.

Wie sollen Sie auch nur ansatzweise die Emotionalität begreifen, wenn zu ihrem Aufstieg in die 2. Liga 2008 zu lesen ist, „Am Samstagabend war es vom erstmals ausverkauften MTV-Stadion per Autokorso zum Rathaus gegangen, vor dem rund 2.000 Fans (Anm. d. Verf.: !!!!!!!!!³) auf den Regionalliga-Vizemeister warteten. Danach durften sich die Beteiligten sogar ins «Goldene Buch« der Stadt eintragen. Der Rest war eine gigantische Freiluftparty.“. Rund Zweitausend Fans – ich schreibe dass jetzt absichtlich in Worten, damit das Fremdschämpotential etwas geringer ausfällt – das ist der Wahnsinn, das muss wirklich eine gigantische Party gewesen sein. Eine gigantisch enttäuschende. 2000 Fans, das ist das, was Sie, liebe Verantwortliche des FC Ingolstadt von 2004, heute Abend in blaugelber Tracht zu sehen bekommen. Eine feierwütige Meute, die Freitags 1100 Kilometer Wegstrecke nach ihrer Arbeit auf sich nimmt, geil auf Fußball, geil auf ihren Verein und geil auf eine Rückkehr in die 1. Bundesliga, emotional aufgewühlt. Sollte unsere Eintracht also tatsächlich gegen Ihre – für ihre Verhältnisse – überbezahlte Truppe einen Sieg holen, dann sollten Sie sich einfach mal den Spaß machen und unter http://www.braunschweig.de/kultur_tourismus/stadtportraet/braunschweiger_ansichten/webcam/webcam_schloss.html einen Blick auf eine wirklich GIGANTISCHE Party werfen und zuvor noch in die Gesichter der mitgereisten Eintracht-Fans schauen. Was Sie dort sehen, DAS sind wahre Emotionen! Und die gute Sitte würde es gebühren, den Fans das Feiern mit IHREN AUFSTIEGSHELDEN nicht zu verwehren. Ich verstehe aber inzwischen, dass Sie ja auf Kurzfristigkeit setzen und auf so ziemlich alles sch….n, was den Fußball ausmacht.

Ja, wären Sie, respektive Ihr Club, liebe Ingolstädter Verantwortliche, mit einer derartigen Geschichte gesegnet, ja, dann würden sie etwas von den Emotionen, von traditionell gewachsenen Dingen und von Sitten und Bräuchen im deutschen Fußball verstehen. Deshalb habe ich auch ein geringes Verständnis für Ihre Vorgehensweise. Bitte verstehen Sie aber auch, weshalb Ihr Fußballclub auf lange Sicht wohl eher keine Akzeptanz in der Fußballwelt erfahren wird und sich einreihen kann hinter Clubs wie Hoffenheim, Wolfsburg, RB Leipzig und so weiter…

Blaugelbe Grüße aus der emotional hochgradig aufgeladenen Stadt Braunschweig

5 Responses to “Liebe emotionslose Verantwortliche des FC Ingolstadt 04,”

  • Unterhaching ist ja auch irgendwie gut drauf. Ingolstadt dagegen… reine Retorte.

  • Aber in Unterhaching war dies möglich, und das liegt meines Wissens auch in Bayern

  • Ich melde mich mal als Fan des FCIs zu Wort. Prinzipiell bin ich der selben Ansicht wie du, dass den positiven Emotionen, gerade nach einem Aufstieg, freien Lauf gelassen werden soll. Allerdings muss ich dir in einigen Punkten widersprechen.

    1. Ein Platzsturm wird nicht genehmigt. Gerade bei einem Auswärtsspiel am 31. Spieltag. U.a. aus Rücksicht auf den Rasen (Bsp. Düsseldorfer Elfmeterpunkt). Das hat nichts mit feiern verbieten zu tun, nur einem Verbot des Feierns auf dem Rasen.
    2. Die Choreo wurde nicht erlaubt, weil dafür Masken mit angemeldet wurden. Gerade in Verbindung mit Pyrotechnik die ja gern bei Choreos unter Blockfahnen gezündet werden verständlich. Um das auch gleich zu klären: Ich bin ebenfalls Befürworter von Pyrotechnik, finde die Kampagne gut. Aber aus Sicht eines Sicherheitsbeauftragten, der für die Einhaltung der Stadionordnung und DFL Richtlinien zuständig ist, muss ein Verbot einer Choreo, die Vermummung von potenziellen Zündlern beinhaltet, verboten werden. Ohne diese Vermummung wäre die Choreo nebenbei bemerkt gestattet worden.

    Soweit zum Spiel gestern und das drumherum.
    Nun zur Kritik an meinem Verein, der ich in gewissen Punkten ebenfalls zustimmen kann, aber auf alle Fälle einige Dinge richtigstellen muss.

    1. Kritik an der nicht vorhandenen Tradition des FC Ingolstadt: Richtig. Der FCI wurde 2004 gegründet. Dass dieser allerdings aus zwei ingolstädter Traditionsvereinen (MTV 1881 Ingolstadt, ESV Ingolstadt) entstanden ist, bleibt in deinem Text unbeachtet. Sicherlich ist diese Geschichte nicht gänzlich übertragbar auf den neu gegründeten Verein FCI und man hat auf alle Fälle ein Teil dieser Tradition aufgegeben. Nichtsdestotrotz hat die Stadt Ingolstadt eine Fußballtradition wie andere Städte auch, zwar nicht so eine große wie bspw. Braunschweig, aber mit Sicherheit eine, die nicht komplett unerwähnt bleiben darf. Der vom Verein verwaltete Tumblr- Blog http://fcingolstadt04.tumblr.com/ versucht, diesen Aspekt wieder vermehrt ins Blickfeld zu rücken.
    Mal ganz davon abgesehen ist Tradition ja schön und gut und auch wichtig für die Identifikation mit dem Verein, nur wenn sich jeder Verein mit seiner großen Tradition rühmt, ist halt auch irgendwie jeder gleich. Irgendwann muss ein Verein halt nun mal gegründet worden sein, und nachdem der Fußball an sich Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhunderts zum Volkssport wurde entstanden schlichtweg zu dieser Zeit die meisten Vereine. Irgendwie geilt sich da jeder drauf und macht die Tradition zu seinem Alleinstellungsmerkmal, was aber einfach nicht alleinstellend, sondern ganz normal ist.
    2. Kritik an Audi: In Ingolstadt ist Audi der größte Arbeitgeber und ein entscheidender Faktor für das enorme Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum im letzten Jahrhundert. Jeder 3. Arbeitsplatz in Ingolstadt ist direkt oder indirekt von Audi abhängig- kurz: ohne Audi wäre die komplette Region Ingolstadt ein kleines unbekanntes Dörfchen. Ingolstadt hat damit Audi viel zu verdanken- und aus meiner Sicht ist die einzige logische Konsequenz der Relevanz von Audi für die Stadt auf die Beziehung Audi- Verein zu übertragen. Jeder Verein braucht Sponsoren, um sich im Haifischbecken Profifußball behaupten zu können, und da ist ein regionaler Arbeitgeber definitiv eine bessere Lösung als russische Gasunternehmen.
    Andere Vereine würden sich auch nicht wehren, sollte ein Unternehmen wie Audi sie tatkräftig unterstützen wie der Verein das tut.
    Auch dein Verein ist vor der Kommerzialisierung nicht gefeit und war in gewisser Hinsicht ja auch Vorreiter auf dem Gebiet der Trikotwerbung. Außerdem bin ich mir auch ohne große Recherche ziemlich sicher, dass sich der Audi- Mutterkonzern VW bei der Unterstützung des BTSV nicht lumpen lässt.
    3. 2000 Fans bei Aufstiegsparty: Was soll man groß sagen? Waren halt nicht mehr. Aber auch von 2000 Leuten kann genug Stimmung und Euphorie ausgehen. Wir brauchen nicht darüber reden, dass das nicht sonderlich viele sind und dass es schon andere Vereine gegeben hat, die dann doch ein zwei Leute mehr auf ihrer Aufstiegsparty hatten. Nichtsdestotrotz sei es doch dann den 2000 Leuten vergönnt, den Aufstieg zu feiern.
    4. Vergleich mit RBL und Hoffenheim: Ich unterscheide noch zwischen Hoffenheim und Red Bull. Red Bull als einzig und allein kommerziell ausgerichteter Verein mit dem Ziel, möglichst viele Dosen zu verkaufen. Diese oberste Priorität hat sowohl bei Hoffenheim, als auch beim FCI, der sportliche Erfolg wie bei jedem anderen Verein. Zur Unterscheidung mit Hoffenheim sollte man sich die bezahlten Ablösesummen der beiden Vereine vergleichen- während bei Hoffenheim die Millionen damals ohne Wenn und Aber zur Verfügung gestellt wurden (bspw. bei Luiz Gustavo) werden beim FCI nur in sehr seltenen Fällen Ablösesummen gezahlt.
    5. Das sportliche Ziel BL: Deine Quelle ist an dieser Stelle nicht mehr aktuell, in einem Interview im März 2013 dementiert Wagener, der damals diese Aussage getätigt hat, das Ziel Bundesliga. Ich gehe davon aus, dass es nichtsdestotrotz das insgeheime Ziel ist. Was allerdings auch verständlich ist, jeder Verein braucht eine langfristige Planung und beim FCI sind die Chancen schlichtweg da, irgendwann aufzusteigen. Ohne diese Ambition hat man kein Ziel vor Augen und das ist definitiv notwendig. Das nur aus sportlicher Sicht, der Großteil der Fans ist nach wie vor für eine konstante Entwicklung des Vereins in der 2. Liga.

    Ein paar Sachen hätte ich schon noch, die ich gern anmerken würde, aber irgendwann ist auch gut und ich denke der Kommentar ist schon lang genug. Eine Kleinigkeit noch zum Schluss: jeder Fan hat Probleme bei seinem eigenen Verein mit dem modernen Fußball. Trotzdem schaut man darüber hinweg, weil man den Verein liebt. Weil man halt doch irgendwie jedes Mal mitfährt, obwohl man weiß, man kriegt ordentlich eins aufn Deckel, obwohl man weiß, dass der Verein sich oft ein Scheissdreck um die Fans kümmert. Aber man machts mit, genauso wie man in einer Beziehung über die Fehler des Partners hinwegsieht, eben weil man ihn liebt und alles für sie/ihn geben würde. Auch bei dir im Verein wird nicht alles rund laufen, nichtsdestotrotz bleibst du dabei. Bei Braunschweig gibts viele solcher Fans. Bei Ingolstadt gibt es weniger solcher Fans, aber es gibt sie. Und auch diese Fans haben das Recht, ihren Verein zu unterstützen, auch wenn er aus neutraler Sicht vielleicht nicht der supertollste Traditionsclub ist. Man hat keine Wahl, man sucht ihn sich ja nicht aus, man wächst in ihn hinein. Ich will damit sagen: Lasst uns unser Ding machen- und wenn es uns ebenfalls zu kommerziell wird, dann verschwindet auch bei uns das Herzblut. Nur eine Kritik von außen ist aus meiner Sicht unberechtigt, wenn es um eine solch irrationale Bindung zu einem Verein geht.

    Ich wünsche dir viel Spaß nächstes Jahr in Liga 1, hoffe, dass ihr nächstes Jahr den Klassenerhalt packt und wünsch euch auch weiterhin alles Gute.

  • Hallo Marko,

    der FC Ingolstadt hat ja nicht nur das Feiern der Fans mit der Mannschaft verboten (und hartes Durchgreifen angekündigt – was das bedeutet, konnte man am Aufmarschieren der Polizei beim Treffer ja auch erahnen), sondern auch die geplante Choreografie! Und das ist in Deutschland nun wirklich nicht üblich. Hier hat sich ein leblosere Retortenverein mal in der Position gefühlt, einem anderen die Feier zu versauen. Wir werden uns revanchieren.
    Und dass es anders geht, zeigen eine Vielzahl an Beispielen aus anderen Stadien. Vgl. http://www.carlisleunited.co.uk/news/article/bournemouthletterapril13-790429.aspx
    Man kann sich also durchaus Freunde machen, wenn man Gäste freundlich behandelt und sich mit ihnen freut. Unterhaching hat es damals vorgemacht. Aber Ingolstadt ist eben anders. In jeder Hinsicht. Und der Grund, warum ich nie einen Audi fahren würde.

  • Das ist jetzt der zweite Artikel den ich auf ihrer Seite lese und der zweite Artikel wo ich mit dem Kopf schütteln muss.

    Meint der Autor wirklich das Eintracht Braunschweig einen Platzsturm der GEGNER erlauben würde ? Das ist doch völlig verständlich das so etwas Auswärts nicht geduldet wird.

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