Spielverlagerung: Eintrachts Aufstieg – eine Taktikanalyse

On 30. April 2013 by gialloblu

Früher waren Taktikgespräche so wunderbar einfach: Eintracht gewann, weil Eintracht halt besser war. Oder Eintracht verlor, weil sich Schiedsrichter, DFB und andere finstere Mächte gegen den BTSV verschworen hatten. Doch eines Tages trat spielverlagerung.de in mein Leben. Diese ausgefeilten taktischen Analysen! Diese anschaulichen Diagramme! Ich las, ich staunte, ich sah den Fußball plötzlich mit völlig anderen Augen: Ich kam mir vor wie ein Amazonas-Indianer, der sich mit Lendenschurz und Kopfschmuck in einen Apple Store verirrt hatte. Dank spielverlagerung.de weiß ich heute, dass Spiele verloren werden, weil im Halbraum die Griffigkeit fehlte oder die horizontale Verschiebung im Mittelfeldpressing nicht funktionierte. Exklusiv für Leopedia hat spielverlagerung.de nun die denkwürdigsten Szenen vom vergangenen Wochenende analysiert. Dafür gibt’s von uns einfaches Danke – ganz ohne Sektdusche, und ohne eine fiese Ladung Pulver aus dem Feuerlöscher!

spielverlagerung1Torjubel nach Damir Vrancics 0:1

Ausgangspunkt war der sensationelle Freistoßtreffer von Damir Vrancic in der Nachspielzeit, der Eintrachts Rückkehr in die Bundesliga nach 28 Jahren bedeutete. Zwei Eintracht-Verteidiger, Bohl und Bicakcic, besetzten sofort hinten links die Dreierposition, um vor dem blau-gelben Block zu jubeln. Im Bestreben, sich der Doppeldeckung durch die beiden Verteidiger zu entziehen, wich Vrancic ins linke Halbfeld aus. Eintrachts einzige Spitze, der wenige Minuten zuvor eingewechselte Pierre Merkel, hatte noch genügend Kraft für ein äußerst körperbetontes Angriffspressing gegen Vrancic, den er von hinten in konsequente Manndeckung nahm. Gleichzeitig löste die Mannschaft ihre 4-2-3-1-Formation blitzschnell auf und verschob kollektiv Richtung Seitenlinie. Vrancic fand nun keine Räume mehr, besonders da inzwischen auch Torwart Petkovic extrem hoch aufrückte. So wurde Vrancic von Eintrachts Spielern aus allen Richtungen erfolgreich gestellt und in einer Jubeltraube begraben.

 

spielverlagerung2Sektduschen für Anna Sara Lange

Ähnlich wie beim entscheidenden Freistoß, als Damir Vrancic und Deniz Dogan gemeinsam aus unterschiedlichen Richtungen anliefen, überraschten Eintrachts Spieler auch bei Sektduschen den Gegner mit einstudierten Laufwegen und gelungenen Kombinationen. Schon wenige Sekunden nach dem Abpfiff, als die Field-Reporterin des Senders Sky am Interviewpult auf ihren Monitor achtete, nutzte der BTSV diese Unaufmerksamkeit: der gesperrte Mirko Boland drang mit offener Sektflasche ins blinde Dreieck hinter ihrer Abwehrlinie ein. Als der Sektstrahl die Blondine traf versuchte sie, ihr ungünstiges Stellungsspiel durch eine Defensiv-Verschiebung zu korrigieren. Diesen Plan durchkreuzte jedoch Deniz Dogan, der über die andere Außenseite aufrückte und die Sektdusche erfolgreich vollendete. Eine weitere Variante präsentierte Eintracht Minuten später, als Aufstiegstrainer Torsten Lieberknecht beim Interview mit einer beidseitigen Körperbrause von Co-Trainer Darius Scholtysik und dem humpelnden Domi Kumbela gefeiert wurde. In diesem Moment schien keine Gefahr für die Reporterin zu bestehen. Doch mit einer geschickten Körpertäuschung rückte Kumbela vertikal auf, schuf eine 1:1-Situation und leerte seine Sektflasche über ihrem Kopf.

 

spielverlagerung3Platzsturm mit Pierre Merkel

Eine völlig neue Angriffstaktik präsentierte Eintracht etwa 21 Stunden nach dem Aufstieg, beim Empfang der Helden im Eintracht-Stadion. Mit dem Stoßstürmer Pierre Merkel in vorderster Linie rückte die Mannschaft in hohem Tempo über die Außenposition vom Marathontor entlang der Grundlinie Richtung Feierbühne vor. Das Löschpulver, das dabei Merkels Feuerlöscher entwich, vernebelte jedoch die Sicht auf Eintrachts taktische Formation: Stand die Elf kompakt gegen lange Bälle? Hatte sie beim Umschalten Zugriff auf alle Räume? Konnte sie sich vertikal befreien und Zweikämpfe in den Sechserräumen eingehen? Fragen, die wir aufgrund der eingeschränkten Sicht unmöglich beantworten können. Da Merkel in den verbleibenden Punktspielen den verletzten Kumbela ersetzen könnte, handelte es sich hier vielleicht um das Einstudieren einer taktischen Variante, die auch gegen Cottbus, Pauli und den FSV Frankfurt denkbar ist: Merkel vorneweg mit dem Feuerlöscher, während die Mitspieler unter der Pulverglocke, nicht sichtbar für den Gegner, kompakte Überzahlformationen in beweglichen Dreiecken schaffen. Doch eben diese Szene – der Einlauf der Mannschaft mit Merkel am Feuerlöscher – erklärt Eintrachts Erfolgsgeheimnis: Eine Mannschaft, die selbst bei einer ausgelassenen Aufstiegsfeier mit Zigarren, Jack Daniels & Cola-Dosen und Beck’s Lemon-Flaschen in der Hand taktische Formationen für die kommenden Spiele einübt, braucht sich über den Aufstieg nicht zu wundern. Herzlichen Glückwunsch für diese sensationelle, wunderschöne und tränenreiche Saison!

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