Keine seriöse Tageszeitung

On 23. Mai 2013 by gialloblu

rechtehooligansGut, dass in Deutschland die finsteren Zeiten vorbei sind, in denen eine gleichgeschaltete Presse dumpfe Feindbilder pflegte, Vorurteile schürte und absichtlich Wahrheiten verzerrte. Sowas gab’s im Dritten Reich und in der DDR. Heute kann man sich die damaligen journalistischen Methoden nur mit blühender Fantasie vorstellen. Aber machen wir doch mal einen Versuch: Angenommen, bei einem Castor-Transport werfen etwa 30 Demonstranten Steine auf Polizisten. Daraufhin werden 300 Demonstranten eingekesselt und ihre Personalien aufgenommen. Würde anschließend irgendein reaktionäres Rotzblatt „330 Demonstranten gingen auf Polizisten los“ titeln? Würde dasselbe Blatt als Zwischentitel noch ein „Die RAF freut sich“ im Artikel einbauen, weil sich eine aus dem Knast entlassene Terroristin ein paar Stunden vorher, sehr zum Ärger der Organisatoren des Protests, an der Bahnstrecke fotografieren ließ? Und würde man Demonstranten erfundene Aussagen unterstellen wie „Einige sollen auf dem Marsch nach Gorleben antisemitische Parolen wie ‚Stoppt die Juden des internationalen Atommüll-Syndikats!‘ gerufen haben“?

Ey, komm, jetzt mal im Ernst: Solch eine Form der Pressepropaganda wäre heutzutage undenkbar. Denn es gibt in der Bundesrepublik den Pressekodex, speziell den Punkt 2 (Sorgfalt). „330 Demonstranten gingen auf Polizisten los“ – darf man das schreiben, obwohl es in Wirklichkeit nur 30 waren? Nicht zulässig, denn zur Veröffentlichung bestimmte Informationen sind auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ein ähnliches Beispiel: Sonntag Abend greifen in der Braunschweiger Innenstadt etwa 30 Kriminelle in blau-gelb – wie auf einem Youtube-Video gut zu erkennen – Polizisten mit Flaschen und Stühlen an. Die benachbarte Kneipe wird daraufhin umstellt und die Personalien von weiteren 300 Leuten aufgenommen. Dürfte eine Zeitung dann „330 Eintracht-Anhänger gingen auf die Polizisten los“ schreiben? Und einen Tag später „Dabei wurden judenfeindliche Lieder gesungen“? Würde ja ganz gut zur überraschenden Meldung passen, dass auf dem Fanmarsch vom Stadion in die Innenstadt „einige“ Fans antisemitische Lieder gesungen haben „sollen“, die niemand unter den Anwesenden gehört hat. Nein, keine seriöse Tageszeitung konstruiert so ihre Geschichten. Falls doch, wäre dies wohl ein Fall fürs Beschwerdeformular beim Presserat!

Zurück zum Beispiel aus dem ersten Absatz: Zwischentitel spielen in Artikeln besonders dann eine wichtige Rolle, wenn Leser sich schnell orientieren wollen. „Die RAF freut sich“ wäre als Zwischentitel über einen Castor-Transport nicht zulässig, da der Sinn der Informationen durch Überschriften nicht verfälscht werden darf. Denn wer beim Blättern in der Zeitung bloß einen Blick auf Überschrift und Zwischentitel wirft, könnte den falschen Eindruck gewinnen, dass lediglich eine Splittergruppe ohne Zukunft, die RAF, gegen den  Castor-Transport ist. Weitere Beispiele: Osama bin Laden besuchte Anfang der Neunziger Heimspiele des FC Arsenal. „Arsenal englischer Meister“ als Überschrift, „Al-Qaida feiert mit“ als Zwischentitel. Nicht zulässig! Oder angenommen, der Oberste Führer Kim Jong-un interessierte sich in seiner Schulzeit bei Bern für Fußball: „Young Boys schweizer Pokalsieger“ ganz oben als Titel, „Nordkoreas Volksarmee feiert mit“ als Zwischentitel. Nicht zulässig! Oder ein Parteibonze der Rechtsaußen – inzwischen zum Glück mit einem Stadionverbot belegt – besorgt sich ein Ticket fürs Eintracht-Stadion: „Rechte Hooligans feiern Aufstieg“ als Titel, „NPD feiert mit“ als Zwischentitel. So, als hätte man sie zu einer Party eingeladen, zu der sie dann in voller Besatzung mit Trommeln, Fahnen und Kniestrümpfen erschienen sind. Nee, sowas würde keine seriöse Tageszeitung schreiben. Falls doch, fallen mir dazu nur zwei Worte ein: Beschwerdeformular, Presserat!

Etwas resignierend haben sich Eintracht-Fans im vergangenen halben Jahr daran gewöhnt, dass der BTSV bloß dann in einigen Medien auftaucht, wenn es Neues von den Nazihorden gibt. Da können sich die alternativen Leser in ihren Altbauvierteln wie Berlin-Kreuzkölln oder Hamburg-Schanzenviertel beim Zeitung schmökern wahlweise ein wenig gruseln oder einfach ihre Vorurteile bestätigen: Braunschweig ist eine kleine Proletenstadt, in der noch heute die SA auf den Straßen marschiert und alle Einwohner Faschos sind. Hinter der Südkurve im Stadion steht bestimmt eine Hüpfburg der NPD und eine Negerkuss-Wurfmaschine zur Unterhaltung der Nachwuchs-Nazis. Wirklich ärgerlich wäre bloß, wenn – wie bereits im vergangenen Oktober – anschließend ähnlich tendenziöse Texte von einem taz-Leser bei 11Freunde und einem 11Freunde-Leser beim Spiegel erscheinen. Beschwerdeformular, Presserat!

Vermutlich sollte – nach den Artikeln über Naziaufstieg, Nazifanmarsch und Nazischlägereien – heute endlich auch mal eine Story über die Aufstiegsfeier vom Sonntag erscheinen. Doch die Nachricht über das Stadionverbot für den NPD-Funktionär sorgte offenbar für große Verwirrung in der Redaktion. Hat man deshalb den Bericht schlicht vergessen? Aber kein Problem: Ich habe eine kleine Meldung zur Aufstiegsparty verfasst, die keine seriöse Tageszeitung oder Zeitschrift gerne übernehmen darf:

Eintracht über alles

BRAUNSCHWEIG Tränen flossen am Sonntag im offenen Kübelwagen, als Torsten Lieberknecht und seine Truppen am Sonntag vor das Schloss gefahren wurden: Mit der Unterschrift im Goldenen Buch ist er nun Ehrenbürger der Stadt Braunschweig. So kriegt er endlich einen deutschen Pass, kann die Macht ergreifen und Eintrachts Weltherrschaft anstreben. Dieses Ziel hatte er im Werk „Mein Diplomarbeit“, angefertigt während seiner Festungshaft beim Trainerlehrgang in Köln, bereits vor Jahren angekündigt.

Auf dem Platz vor dem Schloss herrschte derweil eine Stimmung wie beim Reichsparteitag: Die aufmarschierten Braunschweiger Bürger schwenkten ihre einheitlichen Aufstiegsbanner und sangen „Eintracht über (?) alles“. Auch stimmten sie das Lied an, in dem sie nach München, Mainz, Dortmund und zum S04 fahren – vermutlich, sobald entsprechende U-Bahnen gebaut worden sind.

Entgegen anders lautender Meldungen konnte Eintrachts bester Schütze, Domi Kumbela, bei der Aufstiegsfeier nicht dabei sein. „Sehr bedauerlich“, soll irgendwer gesagt haben. „Möglicherweise hat unser Volksheld seinen Ariernachweis einen Tag zu spät vorgelegt.“

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