Tradition aufbauen

On 30. Mai 2013 by gialloblu

kommerzWas für eine Wahnsinnswoche für die Vorzeigevereine des modernen Fußballs: Am Donnerstag gewann der VfL Wolfsburg die Champions League für diejenigen, die in 80% aller Fälle das entscheidende Wort beim Autokauf haben: Frauen. Am Montag schaffte „1899“ den Klassenerhalt in der Bundesliga. Gestern, am Mittwoch Abend, kannte der allgemeine Jubel überhaupt keine Grenzen mehr: RB Leipzig flog mit seinen Flügeln über die Hürde namens Lotte und wird nach dem Rückspiel wohl in der dritten Liga landen. Und Bayer Leverkusen stellte beim 4:2 gegen Ecuador gleich vier deutsche Nationalspieler. Eine fantastische Woche also für vier ganz spezielle Vereine: Denn ihre Mäzene oder Mutterkonzerne verzerren mit teilweise dreistelligen Millionenbeträgen (pro Jahr) den Wettbewerb in den Ligen. Bei den Werksmannschaften von VW und SAP gehören selbst Reservisten zu den Topverdienern: Ist schon ganz hilfreich, wenn man im Abstiegskampf einen Spieler einwechseln kann, der mehr Ablöse kostete als der komplette Kader des Gegners!

Doch vor allem sind es Vereine, deren wenige Fans man für leidenschaftslose Idioten hält. Der Autokorso in Sinsheim? Sah ungefähr so aus. Ein Autokorso in Wolfsburg? In der Freizeit undenkbar, denn der grün-weiß gekleidete Werksangehörige erlebt, am Band stehend, täglich acht Stunden Autokorso. Vom Verein bezahlte Schwenkfahnen, Capos und Eintrittskarten? In Hoffenheim, Leipzig bzw. Wolfsburg durchaus Realität.

Gehasst von anderen Vereinen, verachtet von den Fans anderer Vereine – da kann nur noch der Manager der Nationalelf mit einem Machtwort helfen. Sport1 schreibt: Bierhoff zeigte sich genervt vom Aufschrei der Alteingesessenen, wenn es um Wettbewerbsvorteile für „Werksklubs“ wie Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg oder Mäzenaten-Modelle wie 1899 Hoffenheim geht. „Ich kann mit diesem Traditionsgerede nichts anfangen“, sagte der Ex-Profi, „man muss Vereinen doch auch mal die Chance geben, Tradition aufzubauen.“

Mit dieser Aussage trifft die frühere Werbe-Ikone für Haarpflegemittel den Nagel mal so richtig auf den Kopf: Geben wir diesen Vereinen eine Chance, Tradition aufzubauen. Bloß wie macht man sowas, Tradition aufbauen? Am einfachsten, man baut sie genauso auf, wie man eine Mannschaft, eine Arena oder das Podest für den bezahlten Capo aufbaut: Man nimmt ein paar Euro in die Hand und man kauft sich, was man braucht!

Inzwischen gibt es doch genug gestrandete Vereine, die noch einen alten Meisterwimpel im baufälligen Vereinsheim hängen haben, den sie zum passenden Preis verkaufen würden: Viktoria Berlins Doppelpack der Titel von 1908 und 1911 würde bestimmt eine Million kosten, denn diese beiden Titel wären das ultimative Must-Have für jeden Plastikverein! Freiburger FC, Meistertitel 1907, vielleicht zu erwerben für eine halbe Million. Dresdner SC, 1943 und 1944: historisch schwer vorbelastete Jahre, Russland-Feldzug und Bombenkrieg, 100.000 Euro. Turbine Halle, Meister der DDR in Stalins letzter Saison, würde sicherlich auch kein Vermögen kosten. Und den Pokalsieg von 1959 lässt sich Schwarz-Weiß Essen vielleicht schon für einen fünfstelligen Betrag abschwatzen. Am besten mal den Oliver Bierhoff ansprechen, der dort nämlich seine Karriere begann. Vielleicht kann der gewiefte Manager den Deal einfädeln! „TSG 1899 Hoffenheim – Deutscher Pokalsieger 1959“ – Das klingt doch gleich viel geiler und traditionsreicher als „TSG Hoffenheim – maximal Bezirksliga bis 1992“. Kostet außerdem weniger als das Gehalt von Tim Wiese an einem Nachmittag!

Nach erfolgreich gekaufter sportlicher Tradition wäre der nächste Punkt das Upgrade der eigenen Fans. „Hallo, ich bin der Sören, ich arbeite im Konzern als Kaufmann für Bürokommunikation und trage die Gleitsichtbrille Azzuro von fielmann. Und das ist meine Freundin Jessica, die interessiert sich schon seit dem Sommermärchen für Fußball, weil sie den Schweini so toll findet. Sie hat sogar grün-weiß lackierte Fingernägel!“ Nein, so ein Verein ohne Tradition lockt genau die Sorte Kundschaft an, die er verdient hat. Doch mit etwas Geld kann ein Plastikverein die Zuwanderung in den eigenen Fanblock aktiv steuern: Zum Beispiel mit dem gestern verkündeten „New Deal für Europa„, einem Programm für arbeitslose Jugendliche in Europa! VW, SAP, Bayer und RB könnten – mit Finanzhilfen der Europäischen Investitionsbank – internationale Ausbildungsplätze bei ihren kickenden Konzerntöchtern schaffen: Zum Beispiel für Autogrill-Hauer aus Italien, für Bengalo-Brenner aus Griechenland, für Zaunkletterer aus Serbien, für Platzstürmer aus Russland. Dreijährige Ausbildung mit Montag als Berufschultag, falls der Azubi nach Spielabbruch etwas länger auf der Wache bleiben muss. Auf Vereinsfarben wird bei der Einstellung natürlich Rücksicht genommen: VfL Wolfsburg? Bildet 5.000 arbeitslose grün-weiße Ultras von Panathinaikos aus. Hoffenheim? Schafft Ausbildungsverhältnisse für 5.000 blau-weiße Bekloppte von Lech Poznan. RB Leipzig? Kriegt rot-weiße Nazi-Freunde vom ZSKA Sofia oder rot-weiße Stalin-Fans aus Livorno. Oder gleich beide Gruppen, gemeinsam in einem Block!

Mit relativ wenig Geld können sich Plastikvereine also Tradition plus eine berüchtigte Anhängerschaft kaufen. So wird es nicht mehr lange dauern, bis wir Sätze lesen werden wie: „Bei der Anreise zum Auswärtsspiel in Sinsheim sollten Anhänger des Gastvereins zur eigenen Sicherheit nur in größeren Gruppen an Raststätten halten.“ Oder: „Individuell anreisende Kleingruppen sollten ihr Fahrzeug ausschließlich auf dem zugewiesenen Gästeparkplatz abstellen und auf dem Fußweg zur Volkswagen-Arena ihre Vereinsfarben verstecken.“ Da kommt beim Auswärtstermin in diesen Stimmungsfriedhöfen doch endlich mal ein leichtes Kribbeln auf! Doch es fehlt noch ein drittes Merkmal, das zum vollkommenen Aufbau von Tradition erforderlich ist: die Erfahrung, wie es ist, mal abgestiegen zu sein!

Denn ohne Abstieg – in einem Zeitraum, an den sich der Stadiongänger noch erinnern kann – gibt es keinen Traditionsverein. FC Bayern? Ein Schönwetterverein für Fernsehfans und Klatschpappenschwenker, die mindestens zwei Titel pro Saison erwarten. Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim und RB Leipzig? Kein lebender Kunde hat jemals einen Abstieg erlebt. Doch keine Sorge, denn auch dieses Problem lässt sich mit Geld lösen: Schiedsrichter bestechen! Klar, Bestechung ist verboten, aber gilt das auch, wenn man einen Schiedsrichter dafür bezahlt, dass er gegen einen pfeift? Einfach mal ausprobieren! Am Ende werdet ihr feststellen: Jahre später, bei der Feier eures Wiederaufstiegs, wird irgendein verirrter Reporter doch glatt behaupten, dass ihr eigentlich ein Traditionsverein seid. Und dann werdet ihr begreifen: Mit viel Geld kann man alles machen – sogar Tradition aufbauen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*