Was ist möglich?

On 24. Juli 2013 by gialloblu

wetten1Noch gut zwei Wochen, dann ist es soweit: Eintracht Braunschweig spielt wieder in der ersten Bundesliga. Ein Satz, der so wunderschön ist, dass ich ihn gerne wiederhole: Eintracht Braunschweig spielt wieder in der ersten Bundesliga. Ein Satz, der im Sommer 2012 noch völlig verrückt geklungen hätte. Ungefähr so verrückt wie „Wochenlange Hitzewelle in Deutschland.“ Oder wie „Amerikanischer Geheimdienst schnüffelt E-Mails in Deutschland aus.“ Oder „Mann in Bayern verschwindet nach Anzeige wegen Steuerhinterziehung in der Psychiatrie.“ Manche Dinge klingen vollkommen unglaublich, sind aber ein Jahr später bereits Realität.

Bloß gut, dass in dieser verrückten Welt wenigstens einmal im Jahr Überraschungen ausbleiben: Nämlich kurz vor dem Start der Bundesliga, wenn Zeitschriften, Zeitungen und Online-Portale tief in die Glaskugel schauen und ihre Prognosen für die kommende Saison abliefern. Denn dort lesen wir in jeder Sommerpause dasselbe: Die Bayern? „Erneut der ganz große Favorit auf den Meistertitel.“ Schalke und Leverkusen? „Von Platz zwei bis fünf ist alles möglich.“ Die Betriebssportgruppen von VW und SAP? „Haben sehr viel Geld investiert, damit sich so eine Chaos-Saison nicht wiederholt.“ Der Überraschungs-Aufsteiger? „Wird ab dem ersten Spieltag gegen den Abstieg kämpfen.“

In die Rolle des Überraschungs-Aufsteigers, in der letzten Saison gespielt von Greuther Fürth, schlüpft in dieser Saison – keine Überraschung – Eintracht Braunschweig. Ein geringer Etat, ein kleines Stadion, als Neuverpflichtungen Zweitligisten oder vertragslose Erstligaspieler, ein voraussichtlich bis Oktober verletzter Torjäger, am letzten Samstag ein 0:4 im Testspiel. „Der Quervergleich zur Greuther Fürth, die in der vergangenen Saison chancenlos gleich wieder abgestiegen ist, drängt sich auf“, schrieb gestern der Tagesspiegel in seiner Prognose. Auch bei den größten Wettanbietern ist der BTSV der größte Außenseiter der Liga. Für die Öffentlichkeit ist der Fall also bereits Wochen vor dem ersten Anstoß entschieden: Eintracht steigt am Ende der Saison sowieso wieder ab!

Vielleicht liegt genau an dieser Stelle Eintrachts größte Chance, denn der Verein wurde seit Beginn der Bundesliga vor 50 Jahren schon häufig unterschätzt: Wer wurde als Meister 1967 getippt? Bestimmt nicht Braunschweig. Aufsteiger 2013? Auf keinen Fall Braunschweig. Deshalb bitte ich alle, den BTSV auch vor dieser Saison zu unterschätzen. Je mehr, desto besser! Macht keine weichgespülten Prognosen wie „Für die Eintracht könnte es eine sehr schwierige Saison werden“. Bringt stattdessen eure Meinung knallhart auf den Punkt: „Schon zu Weihnachten wird die Eintracht als Absteiger feststehen.“ Oder „Wenn die Neueinkäufe einschlagen und die Eintracht vom Verletzungspech verschont bleibt, sind 10 Punkte bis zum Saisonende möglich.“ Oder „Der BTSV wird den rettenden Platz 15 nur dann erreichen, wenn das Land Bayern seine Unabhängigkeit erklärt und seine drei Erstligisten vom Spielbetrieb in Deutschland abmeldet.“ Sowas wollen wir in der Löwenstadt lesen – denn dann wird alles gut!

Statistisch gesehen stehen Eintrachts Chancen auf den Klassenerhalt auch gar nicht mal so schlecht: Denn vor dem BTSV gab es vier Mannschaften, die aus der zweite Liga mit 67 Punkten aufstiegen: Bielefeld (1999), Freiburg (2003), 1.FC Köln (2005) und Kaiserslautern (2010). Keiner der vier Vereine wurde in der Folgesaison Letzter, in zwei von vier Fällen gelang der Klassenerhalt. Eine souverän aufgestiegene Mannschaft wie der BTSV, der seine Leistungsträger alle halten konnte – ein wichtiger Unterschied zu Greuther Fürth im Vorjahr – muss sich vor der Konkurrenz nicht zwangsläufig in die Büx machen.

Für blaugelbe Hardcore-Optimisten gibt es sogar einen ganz besonderen Hoffnungsschimmer: In jeder Saison, in der Hertha mit einer Mannschaft aus Niedersachsen aufstieg (damals, 1997, war’s die Betriebssportgruppe), wurde am Saisonende jener Aufsteiger Deutscher Meister, bei dem Jürgen Rische im Kader steht: 1998 war er Stürmer in Kaiserslautern, heute ist er Athletik-Coach bei Eintracht! Also ruckzuck die Waschmaschine versteigern, die Winterreifen verkaufen und 400 Euro darauf setzen, dass ab übernächste Saison im Eintracht-Block auch in Minute 14 das Meisterlied gesungen wird. Natürlich nicht auf eine Miniquote wie 250/1 setzen (bwin.com), sondern auf richtig fette 2501/1 (bet365.com). Würde im Erfolgsfall bedeuten: Deutscher Meister 2014 plus gut eine Million Euro Wettgewinn! Eintracht wäre dann der erste Verein, bei dem nicht die Spieler, sondern die Fans die Millionäre sind!

Okay, für den Realisten ist dieses Szenario natürlich völlig undenkbar. Doch vielleicht gibts irgendwo einen blaugelben Optimisten, der sich im Sommer 2013 heimlich sagt: Nach einem guten Start in die Saison würde Eintracht kaum etwas mit dem Abstiegskampf zu tun haben. Und auch vor einem Jahr, im Sommer 2012, klangen einige Dinge zunächst vollkommen unglaublich, erwiesen sich jedoch ein Jahr später als Realität…

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