No Millionentransfer – No problem!

On 17. August 2013 by gialloblu

transfer2Wer sportlichen Erfolg kaufen will, kauft möglichst viele teure Spieler. Diese Strategie verfolgte man in den letzten drei Jahren in den beiden Wolkenkuckucksheimen der Bundesliga, nämlich in Hoffenheim und in Wölfiheim. Die zweitmeisten Millionentransfers seit 2010 tätigte die TSG, die so gerne 1899 genannt werden möchte: Man holte 19 neue Spieler, die über eine Million Ablöse kosteten. Einsamer Rekordhalter unter den Geldverbrennern ist völlig überraschend die Konzerntochter vom Kanal: Von Sommer 2010 bis gestern Mittag wurden 31 (einunddreißig!) Millionentransfers beim VfL als Neuzugänge präsentiert. Der sportliche Erfolg? Beide Betriebssportgruppen konnten – spätestens in der Relegation – den Klassenerhalt mit ihren wenigen Fans feiern. Wir verneigen uns in Ehrfurcht vor dieser Leistung!

Selbst ein paar Etagen unterhalb der Bundesliga trifft man auf Vereine, die auf der Suche nach Erfolg regelmäßig Millionenbeträge für neue Spieler in den Sand setzten. Zum Beispiel Tennis Borussia, aktuell in der Verbandsliga Berlin: Anfang 1999 zahlte TeBe ungefähr 1,5 Mio. Euro – in damaliger Währung 3 Mio. D-Mark – für einen 5-fachen norwegischen Nationalspieler, für Geir Frigard. In immerhin zwei Spielen traf der Stürmer das gegnerische Tor. Ein Jahr später kriegten die Lila-Weißen keine Lizenz mehr für die zweite Liga. Dumm gelaufen!

Zur damaligen Zeit spielte übrigens ein weiterer Norweger bei Tennis Borussia – und zwar in der D-Jugend: Lars Christopher Vilsvik. Geboren und aufgewachsen in Berlin, die Mutter eine Deutsche, der Vater ein Norweger. Heute spielt er als Außenverteidiger bei Strömsgodset IF, ist mit 24 Jahren 3-facher norwegischer Nationalspieler. Es hieß, Vilsvik wolle aus familiären Gründen in eine Stadt wechseln, von der er möglichst schnell nach Berlin reisen kann. Eintracht zeigte Interesse und einigte sich mit Strömsgodset in der vergangenen Woche auf eine Ablösesumme von angeblich 1,2 Millionen Euro. Teurer als Paul Breitner, der wenige Jahre nach Kriegsende zum BTSV wechselte! Vilsvik wäre Eintrachts erster (Euro-)Millionentransfer! Endlich wird hier mal für großes Geld ein Spieler gekauft, so wie früher unter Mäzen Günter Mast. So wie früher bei Tennis Borussia. So wie durchschnittlich einmal pro Monat in Golfsburg. Sportlicher Erfolg, wir kommen!

Doch dann, am Montag, passierte das Unfassbare: Vilsvik, dem man vor Strömgodsets Sonntagsspiel schon den Abschiedsstrauß Blumen in die Hand gedrückt hatte, sagte dem BTSV ab: Ein Insider twitterte am selben Tag, Vilsvik sei nicht happy mit den „personal terms“, also mit den Vertragsbedingungen (Zu wenige Urlaubstage? Zu kleiner Dienstwagen? Zu geringes Gehalt?). Welch eine Tragödie für Eintracht! Um ein Haar wären wir ein richtig großer Verein mit einem echten Millionentransfer gewesen. Mit einen Spieler, der seine Länderspiele bei einem richtigen Turnier bestritt: zwar nicht bei einer WM, auch nicht bei einer EM, sondern beim King’s Cup, der im Januar 2012 in Thailand ausgespielt wurde. Wo Norwegen gegen eine dänische Ligaauswahl, gegen Thailand und gegen die U23 von Südkorea spielte. Ein Turnier, bei dem Norwegen mit drei Legionären (aus Dänemark und Schweden) und 14 Debütanten antrat. Wir hätten uns für eine gute Million einen Spieler angeln können, der bei diesem Viererturnier die Bronzemedaille gewann. Ein Kracher, mindestens so gut wie… wie damals Geir Frigard bei Tennis Borussia.

Nun möchten wir den Lars Christopher an dieser Stelle nicht unnötig dissen. Bestimmt ist er ein anständiger Fußballer und ein lieber Kerl. Bestimmt hatte er gute Gründe, plötzlich abzusagen. Vielleicht versprach man ihm bei den Verhandlungen: „Bei uns verdienst du im Jahr so viel Geld, da kannst du dir einen Überseecontainer voll Wolters-Aufstiegsdosen von kaufen.“ Bloß dummerweise dachte Vilsvik, dass eine Dose Qualitäts-Wolters in Braunschweig soviel kostet wie eine Dose Gammelbier in Norwegen, wo alkoholische Getränke bekanntlich so teuer sind wie seltene Erden. Da war er am Montag Morgen verständlicherweise enttäuscht, dass im Vertragsentwurf bloß eine sechsstellige Zahl hinter „Jahresgehalt“ geschrieben stand, und sagte ab.

Oder er checkte, da er aus familiären Gründen Berlin schnell erreichen will, mal die aktuellen Verbindungen der Deutschen Bahn ab Braunschweig. Und er stellte fest: Die ICE-Strecke über Stendal ist seit dem Elbhochwasser außer Betrieb, so dass der Zug über Magdeburg schleicht. Außerdem steht hinter der schönsten Stadt an der Elbe wegen Bauarbeiten aktuell nur ein Gleis zur Verfügung. Also legt der Zug mitten im Wald mal ’ne Pause ein, weil aus Gegenrichtung kommend die Regionalbahn von Perlewitz nach Wusterberg das Gleis blockiert. Ebenfalls ein Grund zur Absage, denn mit dem Tragflügelboot von Strömsgodset über Oslo, Nordsee, Elbe und Havel ist man zur Zeit schneller in Berlin!

Egal, was letztlich der Grund für Vilsviks Absage war. Wir brauchen keine Millionentransfers. Wir wollen das Gegenteil von Geldverbrennern wie Hoffenheim und Wolfsburg bleiben. Niemand wünscht sich, dass – ähnlich wie bei den Aufsteigern Düsseldorf und Fürth im letzten Jahr – der Kader mit einem Sack voll Söldnern aufgefüllt wird. Als Fans wollen wir möglichst viele Aufstiegshelden auf dem Platz sehen. Gerne auch solche, die schon in der Regionalliga das Trikot mit dem roten Löwen trugen. Vor 80.000 Zuschauern in Dortmund zu spielen haben besonders diejenigen verdient, die an einem Freitag Abend vor fünf Jahren vor nur 400 Zuschauern ihre Pöhler schnürten: Dogan und Kumbela, damals beide dabei, werden morgen leider verletzt fehlen. Oehrl wird wohl auf der Bank sitzen. Reichel (2008 bei Cottbus II nur Bankdrücker) und Kruppke werden in der Startelf stehen. Genauso übrigens wie der damalige Siegtorschütze im Trikot von Cottbus II: Ein Spieler, der eine super Verstärkung für Eintracht ist – und der bei Weitem keine Million gekostet hat!

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