„Wir sind nicht in der Lage, …“

On 30. August 2013 by gialloblu

btsv_hsvIch bin nicht in der Lage, Klavier zu spielen. Kein Wunder, denn ich hab’s nie gelernt, und ich habe vermutlich kein musikalisches Talent. Ich bin auch nicht in der Lage, die Zylinderkopfdichtung am Opel oder die Zündwippe am Gasherd zu reparieren. Auch für solche Aktionen fehlen mir die Skills und die Tools. Ich bin für solche Aufgaben – um es mal auf den Punkt zu bringen – wahrscheinlich zu doof.

Beim morgigen Gegner des BTSV, dem HSV, scheinen ebenfalls einige Skills und Tools zu fehlen: „Wir sind nicht in der Lage, zu verlieren oder nur einen Punkt zu holen„, wurde HSV-Trainer Thorsten Fink unter der Woche zitiert. Nach meinem Sprachverständnis ist man für gewisse Dinge nicht in der Lage, wenn man dafür zu untalentiert, zu ungeschickt, mit anderen Worten zu doof ist. Nach meinem Sprachverständnis hat Fink also sinngemäß erzählt: Wir vom HSV sind zu blöd, das Spiel gegen Eintracht zu verlieren.

Vielleicht ist dies das ungewöhnlichste Statement, das ich jemals von einem Trainer gehört habe. Denn normalerweise wirft man sich Blödheit vor, wenn man ein angestrebtes Ziel verpasst hat. Beispiel: Mit versteinerter Miene nuschelt ein Trainer nach dem Spiel „Wir waren heute zu blöd, 95+1 zu schlagen“ ins Mikrofon. Macht Sinn! Kann man aber auch zu blöd für einen Voll-Fail sein, auf den die Umwelt mit Hohn und Spott reagiert? Das ist so, als würde jemand sagen: Ich bin zu doof, auf dem Weg zur Kneipe über meine eigenen Füße zu stolpern. Ich bin zu doof, auf dem Gehweg in Hundescheiße zu treten. Ich bin zu blöd, auf dem Weg zum Klo die Treppe runter zu fallen. Ich bin zu doof, mein Handy in der Kneipe zu vergessen. Ich bin zu doof, im Nachtbus einzuschlafen und außerhalb der Stadtgrenze an der Endstation aufzuwachen. Im Prinzip nichts anderes drückt ein Trainer aus, wenn er sagt: Wir sind zu blöd, das Heimspiel gegen den Tabellenletzten zu verlieren.

Vielleicht hat Thorsten Fink einfach nur ein ganz anderes Verständnis vom Begriff „in der Lage sein“. Im letzten Dezember jettete der HSV zwischen zwei Punktspielen unter der Woche für ein lukratives Freundschaftsspiel nach Porto Alegre, Brasilien. Auf die Frage nach dem Sinn des Kurztrips antwortete Fink: „Wir sind nicht in der Lage, im Moment einfach so viel Geld auszuschlagen.“ Die sind beim HSV zu blöd, Geld abzulehnen? Nein, hier muss ein Missverständnis vorliegen: Fink sagt „Wir sind nicht in der Lage“, wenn er eigentlich „Wir können es uns nicht leisten“ meint! „Wir können es uns nicht leisten, gegen Braunschweig zu verlieren.“ Macht Sinn! „Wir können es uns nicht leisten, auf die Antrittsprämie in Porto Alegre zu verzichten.“ Ich beginne, Thorsten Fink zu verstehen.

Leider bestehen Zweifel, ob auch seine Spieler ihn verstehen. Nach dem letzten Heimspiel, das der HSV knapp mit 1:5 verlor, sagte Fink möglicherweise: „Ihr seid nicht in der Lage, zwei Tage zum Feiern nach Malle zu fliegen.“ Spieler A. denkt: „Hält der uns für Idioten, die nicht mit dem I-Net klarkommen?“ und bucht Minuten später, um es dem Trainer zu beweisen, gleich mal Flug und Hotel. Was Fink jedoch sagen wollte: „Ihr könnt es euch nicht leisten, zwei Tage nach Malle zu fliegen.“ Doch prompt gibt’s am Mittwoch nach dem Training in der Kabine Handyvideos von Ballermann-Partys zu sehen. Oder in der Mannschaftsbesprechung sagt der Trainer: „Wir sind nicht in der Lage, die gegnerischen Stürmer einfach laufen zu lassen!“ Doch Trainer, sind wir, und das haben wir dir beim letzten Heimspiel fünf mal bewiesen. Und wir können es morgen gegen Braunschweig gerne erneut beweisen. So leicht entstehen Missverständnisse!

Zukünftige Verwirrungen sind vermutlich ausgeschlossen. Sollte Felix Magath das Ruder beim HSV in die Hand nehmen, würden von der Kommandobrücke endlich wieder unmissverständliche Befehle an alle Spieler gehen: „Jeder nimmt sich jetzt zwei Medizinbälle und schwimmt rüber zum anderen Ufer der Elbe!“ „Du hast läuferische Defizite und trainierst jetzt bis zum Karriereende alleine!“ „Du gehörst ab jetzt zum Kader der Zweiten und spielst Sonntag Mittag beim SV Eichede!“ „Du spielst ab sofort in der Bezirksliga für unsere Dritte!“ „Nochmal so ein schwaches Zweikampfverhalten und ich schick dich runter zur D-Jugend der Mädchen!“ Und natürlich „Ich erhoffe mir durch die 22 Neuverpflichtungen in der Winterpause einen erheblichen Qualitätssprung.“ Magath ist berühmt für klare Instruktionen. Magath, der große Klare aus dem Norden. Sozusagen der eisgekühlte Bommerlunder unter den Trainern – für einen Verein, der im Augenblick dringend einen Schnaps braucht.

Und während beim HSV (ein Punkt) zur Zeit mittlere Weltuntergangsstimmung herrscht, sind wir Braunschweiger (null Punkte) weiterhin Lounge-mäßig entspannt, sozusagen Achtung wild – also der Jägermeister der Liga. Wir sind, um es in den Worten von Thorsten Fink zu sagen, durchaus in der Lage auch mal ein Spiel zu verlieren. Denn, im Gegensatz zu anderen, können wir es uns leisten!

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