Mein Job: Fan-Forscher

On 13. November 2013 by gialloblu

littlebritainSchon als Kind träumte ich davon, eines Tages mal ein berühmter Forscher zu werden: Ich würde erforschen, was mit meiner großen Schwester passiert, wenn man sie einen Monat lang nur mit roher Leber füttert. Ich würde erforschen, ob Maikel aus der 4a sich immer noch über meine Segelohren lustig macht, wenn er an einem Bein kopfüber von der Autobahnbrücke baumelt. Und ich würde erforschen, ob man Eichhörnchen leichter mit einem Fahrrad oder mit einem Kettcar überfahren kann. Die Welt stand mir offen und es gab so endlos viele Dinge, die ich entdecken und erforschen wollte! Doch dann erzählte man mir bei der Berufsberatung: „Vergiss das mit der Forschung. Für so einen Beruf musst du auf eine Universität gehen. Das ist sowas wie ein Gymnasium für Leute, die eigentlich schon mit der Schule fertig sind. Lerne lieber einen richtigen Beruf: zum Beispiel Abdecker. Oder Automatenauffüller.“ Doch dann hatte ich Jahr für Jahr irgendwie Glück beim Ausgleich meiner Noten. Im Nachrückverfahren reichte es nach ewig langer Wartezeit für einen Studienplatz: Leider nicht für Nanotechnologie in Harvard, aber immerhin für Sozialwissenschaften an der Uni Hannover.

So begann ich dann am Wissenschaftsstandort Leinekaff zu forschen: Ich erforschte, ob die mich gleich rausschmeißen, wenn ich meine Vorlesungen öfters verschlafe. Ob der Milchreis in der Mensa besser mit Apfelmus oder mit Zimt und Zucker schmeckt. Ob sich im Sommer hübsche Studentinnen leicht bekleidet vor der Bibliothek sonnen. Akademisch fühlte ich mich durchaus ausgelastet, doch fehlte mir noch immer das große Ziel, die große Vision.

Eines Tages, ich hatte gerade mein Frühstücksbierchen geöffnet, sah ich dann im Fernsehen meinen Forschungskollegen Doktor Gunter Pilz, ebenfalls von der Uni Hannover. Mit seinem weißen Bart erinnerte er mich stark an Captain Iglu. Er guckte, als wäre seinem Fischkutter auf hoher See der Diesel ausgegangen, und die letzte Seenotfackel wäre kurz vorm Ablegen von den Ultras Wilhelmshaven geklaut worden. Doktor Gunter ließ man in seiner Rolle als Fan-Forscher minutenlang im Fernsehen über Ultras reden. Das ist so, als würde man Edmund Stoiber über GTAV oder Videos von Miley Cyrus interviewen! Also beschloss ich, Fan-Forscher zu werden. So kann ich, sobald Captain Iglu in die wohl verdiente Rente geht, selber mit Fernsehinterviews zum Thema Ultras berühmt werden, dachte ich. Kindheitstraum allez!

Also schrieb ich mich in ein passendes Seminar ein und begann Fanszenen in Deutschland zu untersuchen. Für eine Hausarbeit ließ ich mir per Mail die Charta verschiedener Ultragruppen schicken. Gähn! Doch bei einigen Gruppen musste ich echt lachen: Eine Truppe aus Braunschweig hatte einfach nur das Antidiskriminierungsgesetz kopiert. WTF! Sowas nennt sich Fußballfans?! Das erzählte ich am nächsten Tag auch der hübschen Blonden, die so ein 96-Silikonarmband am Handgelenk trägt, und die bei der Milchreisausgabe in der Mensa arbeitet: „Stell dir vor: Im Fußball gibt es Fanclubs, die schreiben einfach nur irgendwelche Gesetze ab: Ist so, als würden Ultras Hannover als Satzung die EU-Richtlinie zum Verbot von Glühlampen mit geringer Energieeffizienz reinschreiben. Oder die Violet Crew aus Osnabrück nimmt als Satzung die Richtlinien für Basel III, die die Eigenkapitaldecke von Banken neu regelt.“ Guckt sie mich nur doof an. „Den Milchreis mit Apfelmus, bitte“, sage ich.

Ein Jahr später, also jetzt, muss ich plötzlich eine Diplomarbeit schreiben. So ein Dreck – ich wollte Fernsehinterviews geben, nicht ständig irgendwelche beschissenen Arbeiten schreiben. Als Thema suchte ich mir irgendwas über die Fans von Eintracht Braunschweig aus, denn da kann ich für Forschungszwecke schnell und billig mit dem RegionalExpress hinfahren. Außerdem kann man sich beim Stichwort Braunschweig notfalls was Aufregendes über Nazis ausdenken. Ich googelte ein wenig zum dortigen Fankonflikt und fand heraus: Die Ultragruppe mit dem Antidiskriminierungsgesetz war früher rechts und ist heute links. Die Linken hassen die Gruppe, weil sie früher rechts war. Die Rechten hassen sie, weil sie jetzt links ist. Die Durchschnittskartoffel in der Mitte hasst sie, weil sie ideologisch nur zwischen Extremen wie „Zick-Zack-Zigeunerpack“ und „Deutschland verrecke“ hin und her pendelt. Meine Fresse, ist das kompliziert! Also besorgte ich mir einen Termin beim Dozenten, der mich bei der Diplomarbeit betreut, und der sogar im November nur Sandalen trägt.

Der Typ lachte mich gleich aus, als ich ihm von meiner Recherche erzählte. „Hör mal: Wie in jeder anderen Wissenschaft gelten auch in der Fan-Forschung die mörderischen Gesetze des Monopolkapitalismus“, erkärte mir mein Dozent. „Wissenschaft findet nur Gehör, wenn der durch Konsumrausch und gezielte Desinformation verblödeten Gesellschaft einfache Botschaften vermittelt werden, die sie auch versteht. Deshalb merk dir Folgendes: Fans von Franconia Rothenburg ob der Tauber sind alle rot, weil Rot im Stadtnamen steht. Fans von Traktor Grünau sind alle grün, weil Grün im Namen steht. Und Fans von Eintracht Braunschweig sind alle braun, weil Braun im Namen steht. Auf einer Nazi-Skala bis minus fünf stehen Eintracht-Fans deshalb bei minus fünf.“ So eine Argumentation ist ja sogar mir zu blöd, dachte ich. Aber ich tratschte sie trotzdem weiter: „Wusstest du schon, dass Braunschweigs Nazi-Fans auf der internen Skala von meinem Dozenten bei fünf stehen?“ fragte ich bei erstbester Gelegenheit die hübsche Blonde mit dem 96-Armband bei der Milchreisausgabe. „Heute bloß mit Zucker und Zimt, bitte.“

Nichtsdestotrotz musste ich mich, um meiner Forschung etwas wissenschaftliche Credibility zu geben, wenigstens einmal in die Höhle des roten Löwen begeben. Vor meiner Abfahrt nach Braunschweig entwarf ich einen Fragebogen, der randvoll mit NPD-Thesen aus dem Wahlomat zur Bundestagswahl war. Beim Heimspiel gegen Leverkusen lauerte ich dann am Eingang hinter der Braunschweiger Südkurve auf Auskunftswillige. Die ersten sechs Leute guckten auf meinen Fragebogen, fragten mich was der Scheiß soll, und schubsten mich einfach beiseite. Der Siebte erzählte mir, dass er Mitglied bei der Linkspartei ist. „Lass mal sehen“, meinte er und guckte auf meinen Bogen mit politischen Forderungen der NPD. „Für gesetzlichen Mindestlohn, für stärkere Strompreisregulierung, für Austritt aus der NATO, für höheren Spitzensteuersatz, für geringeres Renteneintrittsalter, für Verbot von Rüstungsexporten, gegen Kürzungen bei Hartz IV-Empfängern, für begrenzte Preisanhebungen bei Neuvermietungen. Das unterschreib ich alles sofort!“, meinte der linke Kollege. Läuft, dachte ich mir. Hat ja nicht lange gedauert, einen rechtsoffenen Typen zu finden. Der nächste Befragte, die Nummer acht, schüttete mir beim Anblick der Thesen einfach sein Restbier in die Fresse. Ich beschloss, dass ich genug geforscht hatte und zog wieder ab.

Auf der Rückfahrt im RE nach Hannover überschlug ich die Zahlen per Kugelschreiber auf der Serviette, die ich am Bahnhof zum Döner gekriegt hatte: Einem von sieben Befragten im Eintracht-Stadion gefielen Ideen der NPD. Einer von Sieben, bei 20.000 Heimfans, das entspricht etwa 3.000 Leuten. Nicht schlecht, dachte ich: 3.000 Rechtsoffene beim Heimspiel vom östlichen braunen Nachbarn. „In Braunschweig liefen am Samstag 3.000 rum, die ein paar Flocken… also Brocken… also Stücke von Nazi-Ideologie gut fanden“, sagte ich zu ihr am Montag bei der Milchreisausgabe. Ey, was für eine blöde Formulierung! Kein Wunder, dass die Blonde mich noch nicht mal anguckte. Hatte gehofft, dass sie mich irgendwann mal fragt, ob wir gemeinsam abends mal irgendwo hingehen, wo es was anderes als Milchreis zu essen gibt. McDonald’s oder so. „Heute wieder mit Apfelmus. Danke.“

Enttäuscht und unglücklich verliebt ging ich am Abend einen saufen. Dienstag morgens kam ich hackebreit nach Hause, warf mich auf die Couch und machte den Fernseher an. ZDF Morgenmagazin. Egal. Plötzlich steht da so ein Fan-Forscher. Hat so eine Frisur wie der Assistent vom Premierminister in ‚Little Britain‘. Auch, wie ich, von der Uni Hannover. Ey klar Alter, dachte ich im Vollrausch, den Vogel haste doch schon mal Montags in der Mensa gesehen. Im Eintopfbereich, wo es immer den Milchreis gibt!

Und dann fing der Typ an zu erzählen: Die linken Ultras in Braunschweig seien eine Gruppe, die total gut sind, weil sich für das Antidiskriminierungsgesetz stark machen. Klar, weiß ich doch, hab ich ja selber rausgefunden! „Auf meiner internen Skala, die [Fans von Eintracht] sind bei fünf, was jetzt die negative Entwicklung angeht.“ Minus fünf auf der Skala – kommt mir bekannt vor! „Da sind 3.000 Leute, die auch Partikel haben von einem solchen Denken.“ 3.000 Leute – das war das Ergebnis meiner Rechnung auf der Serviette im RegionalExpress! Und sagte er eben Partikel? Warum kam ich nicht auf so ein tolles Wort wie Partikel, sondern nur auf Flocken und Brocken?! Dreckskackscheißeschweinefuck!

Ich war am Boden zerstört: Da steht dieser Typ, Gerd Dembowski, und latscht im Frühstücksfernsehen die geklauten Ergebnisse meiner jahrelangen, wissenschaftlichen Forschung breit. Mich erwähnt er natürlich mit keinem Wort: „[So] würde ich meine Informanten gefährden, die mich immer wieder über die einzelnen Szenen vor Ort informieren.“ Was für ein Bullshit! Auch andere, wie der FanRat Braunschweig, brennen darauf zu erfahren, welcher erstklassige Forscher diese Fakten recherchiert hat!

Völlig gefrustet gönnte ich mir beim Morgenmagazin noch einen doppelten Gute-Nacht-Grappa. Und fragte mich: Wer hat dem Dembowski eigentlich alle meine Forschungsergebnisse gesteckt? Anstelle vom Dembowski hätte ich eine Einladung ins Fernsehen verdient gehabt – ICH! – als berühmter Fan-Forscher!

Nach dem Aufwachen, beim Frühstücks-Milchreis mittags in der Mensa, werde ich in Ruhe über die Antwort auf meine Frage nachdenken…

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