Winterspiele

On 30. Januar 2014 by gialloblu

btsv_bvbWie nennt man das, wenn es draußen so mild ist, dass man mit offener Jacke und ohne Handschuhe auf Braunkohlwanderung geht? Korrekt, Winterpause. Wie nennt man das, wenn es draußen so klirrekalt ist, dass sogar die Pinguine einen Schal tragen? Korrekt, Beginn der Rückrunde. Aus Sicht der Spieler ist dies eine blöde Situation: Anfang Januar fliegt man ins sonnige Trainingslager nach Spanien oder in die Türkei, um dort auf gepflegten Rasenflächen ein wenig Tiki-Taka zu üben. Zurück in Deutschland muss man dann bei Minusgraden den Ball über den frostigen Acker bolzen, oder man schlittert, bei Rasenheizung, über das glitschige Grün. Für die Fans im Stadion hat extreme Kälte bestenfalls zwei Vorteile: Erstens muss man niemals grübeln, wo man seinen Bierbecher abgestellt hat, weil er festgefroren an den Lippen klebt. Und zweitens kann man bei der Bahnfahrt zurück nach Hause unbekümmert ein Nickerchen oben in der Gepäckablage halten. Denn sollte man versehentlich runterfallen, ist man dank der zwei Jacken, drei Sweatshirts und vier langen Unterhosen so gut gepolstert, dass man unten stets weich aufschlägt.

Angesichts der aktuellen Wetterlage droht der Eintracht morgen Abend gegen Dortmund (Vorhersage: kühle -3°) ein weiteres frostiges Duell nach dem Auswärtsspiel in Bremen (erfrischende -8°). Ist dies gut für den BTSV, oder weniger gut? Die Antwort liefert ein Blick auf jene Spiele, die in verschiedenen Epochen der Eintracht-Geschichte den Titel ‚Goldene Frostbeule‘ verdient hätten (Dicker Dank ans Archiv von wetterzentrale.de):

Vom Beginn der Temperaturaufzeichnung bis zur Gründung der Bundesliga (1761 – 1963):
10.2.1963, -3°, H***over 96 – BTSV 0:1
200 Jahre vor Eintrachts Meistertitel, im ersten Jahrhundertwinter aller Zeiten (Januar 1767, Durchschnittstemperatur – 7,2°), soll sich Folgendes ereignet haben: „Auf frostiger Furche beym Galgenbaum des Flecken Peine thrafen sich jeweils elf Söhne des stolzen Brunsvicum und des elenden Hanovere, auf daß sie gar fest thretend einen Schweynskopf durch das Thor der gegnerischen Stadtmauer zu treyben gesuchten. Noch vor Eynbruch der Nacht flog besagter Schweynskopf zum null zu eyns durch das Thor der Stadt der Pestillenz. Ob des Sieges frohlockten die kühnen Recken in den gelben und blauen Gewändern und warfen die Besiegten nach alter Sitte von jener Brücke, welche den Fluss Leyne überqueret. Doch die Lumpen fielen hart, denn die Leyne war zu Eis gefroren. Dann vergoss man ihr schändliches Bier in der Kloake, verscheuchte ihre mageren Weyber und brandschatzte ihre ärmlichen Hütten. Triumphal, mit dem als Tribut requierierten Vieh, kehrten die Helden zurück nach Brunsvicum. Dort befahl der Herzog, dass fortan sieben Tage und Nächte gefeyert werde, mit reichlich Speis und Trank und Unzucht.“ So steht’s jedenfalls im ‚original kicker, Nr. 3/1767, leichte Gebrauchsspuren‘, den ich neulich für viel Geld bei eBay schoss.
Weniger spektakulär, jedoch fast noch wichtiger dürfte Eintrachts 1:0-Auswärtsderbysieg gewesen sein, vier Monate vor Festlegung der Gründungsmitglieder der Bundesliga. Weil die Roten sich bei 16 cm Schneehöhe in der Kackstadt vom BTSV in die Schneeketten wickeln ließen, verloren sie zwei Plätze in der Abschlusstabelle. Wer weiß, welch skandalöse Fehlentscheidung der DFB vielleicht getroffen hätte, wenn dieses Derby anders ausgegangen wäre.

Eintracht in der Bundesliga (1963 – 1985):
16.12.1981, -10°, BTSV – Eintracht Frankfurt 4:1
Passend zum politischen Klima lag in jener Woche, als in Polen zur Unterdrückung der Solidarnosc das Kriegsrecht verhängt wurde, sibirische Kälte über Mitteleuropa. Der freche Aufsteiger aus Braunschweig fuhr vor 16.000 Zuschauern mal so richtig Schlitten mit dem amtierenden DFB-Pokalsieger. 16.000 erscheint nach heutigem Maßstab nicht viel. An jenem winterweißen Spieltag waren es jedoch mehr Zuschauer, als der FC Bayern (gegen Bochum, vor ungelogen 4.000) und Dortmund (gegen Nürnberg, 11.000) gemeinsam begrüßen durften. Auf die heutige Zeit übertragen entspräche dies also einer Zuschauerzahl von (Moment, kurz mal nachdenken, Heimkulisse bei einem Bayern-Spiel plus Heimkulisse beim Dortmund-Spiel…) über 150.000! Gegen Eintracht Frankfurt, an einem Mittwoch Abend, bei minus zehn Grad – Respekt!

Eintracht in der zweiten Liga (1985 – 1993):
2.12.1989, -3°, BTSV – Schalke 2:2
Es muss am knüppelhart gefrorenen Boden gelegen haben, dass die glänzend in die Saison gestartete Eintracht den 5:1-Kantersieg aus dem Hinspiel im Parkstadion nicht wiederholen konnte. Denn so herrschten optimale Bedingungen für Schalkes zwei Sowjet-Importe, Liutyi und Borodjuk, die ähnliche Platzverhältnisse von frostigen Auswärtsterminen bei Roter Oktober Murmansk kannten. Um die beiden Legionäre extra zu motivieren, spielte Schalke an jenem Nachmittag in den Farben der Sbornaja, also in roten Trikots und weißer Hose, bloß mit ‚Müller Milch‘ statt ‚CCCP‘. Nach der nächsten Neuverpflichtung aus dem Ostblock, Steffen Freund von Stahl Brandenburg, spielte Schalke übrigens für viele Jahre die Farben der DDR-Nationalelf, also in blau-weiß. Heute spielt Schalke oft in grün, weil man mit den vielen Ländern in Westafrika völlig durcheinander kommt, und irrtümlich glaubt, dass Kevin Prince Boateng für Nigeria zur WM fährt.

Eintracht in der Regionalliga Nord (1993 – 2002):
12.2.1999, -5°, BTSV – SF Ricklingen 0:1
Nicht nur in Sachen Temperatur einer der Tiefpunkte der Vereinsgeschichte. Man kann sich gut vorstellen, was Trainer Sandhowe an jenem Freitag Abend nach dem Spiel auf der Pressekonferenz erzählte: „Ich hab dem Schneemann hinterm Tor klare Anweisung gegeben, dass die Nummer neun von Ricklingen kein Tor schießen darf. Trotzdem schießt der Neuner von Ricklingen ein Tor. Obwohl der Schneemann die Aufgabe hatte, dies zu verhindern. Was kann ich dafür, wenn der Schneemann sich nicht an meine Anweisungen hält?“ Ein taktisch ähnlich differenziertes Statement hörten wir einen Monat später, als Marinus Bester im Eintracht-Stadion einen Hattrick für den Lüneburger SK erzielte. Für dieses Desaster hatte der Schneemann jedoch ein Alibi, denn der war zuvor in den ersten zarten Strahlen der Frühlingssonne geschmolzen.

Eintracht zwischen zweiter Liga und Bankrott (2002 – 2008):
14.2.2003, -4°, BTSV – FC St.Pauli 0:1
Ende der 80er verhinderte die Kälte, dass der BTSV dem S04, wie im Hinspiel, fünf Dinger einschenkte. Anfang der 00er Jahre verhinderte die Kälte, dass St.Pauli, wie im Hinspiel, gegen uns sieben Mal traf. Nur ein Einziger konnte im Rückspiel Braunschweigs Torwart Jan Spölder überwinden: Spölder himself! Bei einer Freistoßflanke kam er aus seinem Kasten und faustete den Ball entgegen seiner Laufrichtung ins eigene Tor. Wahrscheinlich hatte er die Flugbahn des Balles falsch berechnet, weil wegen der Kälte die Schwerkraft für einen Moment ausfiel. Auch möglich, dass die Erdrotation in jener Sekunde aussetzte, weil unser Planet kurz an der Erdachse fest fror. Wie im Zweierbob rumpelten Eintracht und Pauli gemeinsam talwärts in die Regionalliga.

Die Jahre des kometenhaften Aufstiegs (2008 – 2013):
19.12.09, -14°, BTSV – BVB II 1:2
Das kälteste Spiel der Menschheitsgeschichte: Auf dem Weg zum Treffpunkt meiner Fahrgemeinschaft stand ich morgens 10 Sekunden am S-Bahnhof, bis ich wusste, dass ich mindestens ein Paar Wollsocken zu wenig trug. Totales Chaos auf der A2, wo dreispurig Schnee lag. Bei Jedem waren die Scheibenwaschanlagen eingefroren, so dass Fahrer mitten auf der Autobahn spontan anhielten und ausstiegen, um per Hand den Schnee und den Streusalzdreck von der Scheibe zu wischen. Als Kruppke kurz vor Abpfiff Eintrachts Ehrentreffer schoss, war ich bereits in eine der Wärmestuben in der Rheingoldstraße geflüchtet, denn es war unmenschlich kalt. Unserer Eintracht fehlten am Ende zwei Punkte zur Aufstiegsrelegation, Dortmund II stieg mit sieben Punkten Rückstand ab. Doch der Tag hatte auch was Gutes: Denn seit damals weiß ich, wie Napoleon sich gefühlt hätte, wenn er den weiten Weg zum eingeschneiten Moskau barfuß in Flip-Flops zurückgelegt hätte.

Die Geschichte der Eis-, Frost- und Scheeschlachten lehrt uns also zwei Dinge. Erstens: Hohe Ergebnisse sind bei Minusgraden die Ausnahme. Zweitens: Favoritensiege sind bei winterlichen Bedingungen keine Selbstverständlichkeit. Freuen wir uns deshalb auf das morgige Spiel: Zieht euch beim Stadionbesuch warm an. Doch auch der sportliche Favorit aus Dortmund wird sich warm anziehen müssen, wenn er in der Tiefkühltruhe an der Hamburger Straße punkten möchte!

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