Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt

On 12. März 2014 by gialloblu

leistungsprinzipGestern stand ich an der Supermarktkasse Schlange, wollte schnell mal ins Internet gucken, doch der Akku vom Handy war alle. Damit ich vor Langeweile nicht umkomme, machte ich einen No-Look-Griff ins Zeitschriftenregal, damit ich wartend ein wenig lesen kann. Und ich schien Glück zu haben: Ich erwischte nicht das Goldene Blatt, nicht die Wendy, sondern die Sport-Bild vom letzten Mittwoch. In dem Heft gab es eine bemerkenswerte Diskussion: „Ist es clever, trotz sportlicher Misere, den (…) laufenden Vertrag mit dem Trainer noch einmal zu verlängern?“ Doch zu meiner Überraschung ging es nicht um Jogi Löw, sondern um Torsten Lieberknecht. „Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt“ titelte der Chefredakteur in seinem Plädoyer gegen eine Vertragsverlängerung mit Eintrachts Trainer-Gott. Jawoll, schon klar: Wer mit Bayern auf Platz eins steht, bringt eine Superleistung als Trainer. Wer mit dem BTSV auf dem letzten Platz in der Bundesliga steht, muss als Trainer eine Null sein. Nächsten Dienstag, sollte der Akku vom Handy wieder alle sein, erwische ich hoffentlich die Wendy.

Dabei konnte ich das Motiv des Chefredakteurs durchaus verstehen. Denn würden alle Vereine automatisch ihren Trainer feuern, sobald sie im unteren Drittel der Tabelle stehen, könnte seine Zeitschrift in jeder Ausgabe fröhlich drauflos spekulieren, wer wohl demnächst seinen Hintern auf einen frei gewordenen Trainerstuhl setzt: Kommt jetzt Olsen oder Oenning? Schäfer oder Schafstall? Und was macht überhaupt Rudi Gutendorf? Man könnte viele Seiten füllen mit wilden Spekulationen, anstatt sich journalistisch mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen – zum Beispiel mit der Frage, wie Trainer Lieberknecht es schaffen konnte, den finanziell völlig abgebrannten BTSV aus der Regionalliga in die Bundesliga zu führen. Je häufiger Trainer fliegen, desto mehr dürfen Journalisten spekulieren, und desto weniger müssen sie recherchieren. Mit anderen Worten: Wenn das Trainerkarussell sich dreht, wird das Leistungsprinzip für Journalisten außer Kraft gesetzt.

Doch stellen wir uns mal vor, Eintracht Braunschweig wäre ein Bundesligist wie jeder andere, und hätte angesichts des letzten Tabellenplatzes Trainer Lieberknecht in die Wüste geschickt. Wer wäre wohl der Nachfolger geworden, wenn Eintracht so ticken würde wie andere Bundesligisten? Schauen wir uns also die letzten Trainer-Rauswürfe einiger Erstligisten an, nach welchen Kriterien sie einen Nachfolger (ohne Interimstrainer) aussuchten. Welchen Trainer hätten deren Vereinsführungen uns wohl vor die Nase gesetzt, wenn sie in Braunschweig was zu sagen hätten?

Bayern München – Letzter Rauswurf: Louis van Gaal (10.04.2011). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Muss den Verein bereits Ende der 80er erfolgreich trainiert haben. Nachfolger wurde: Jupp Heynckes. Unser neuer Trainer, wenn wir wie die Bayern wären: Uwe Reinders (Aufstiegstrainer 1988).
SC Freiburg – Letzter Rauswurf: Marcus Sorg (29.12. 2011). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Hat bereits im eigenen Verein trainiert, Nachname Streich. Nachfolger wurde: Christian Streich. Unser neuer Trainer, wenn wir wie Freiburg wären: Joachim Streich (Eintracht-Trainer 1990/91).
Hertha BSC – Letzter Rauswurf: Michael Skibbe (12.02.2012). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Wer mal Europameister wurde, muss ein großer Trainer sein. Trainer wurde: Otto Rehhagel. Unser neuer Trainer, wenn wir wie Hertha wären: Berti Vogts.
VfL Wolfsburg – Letzter Rauswurf: Felix Magath (25.10.2012). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Wer es jahrelang in der Leinestadt aushält, den kann auch die Werkssiedlung am Kanal nicht erschüttern. Nachfolger wurde: Dieter Hecking (Ex-96). Unser neuer Trainer, wenn wir wie die BSG wären: Mirko Slomka (Ex-96).
Schalke 04 – Letzter Rauswurf: Huub Stevens (16.12.2012). Stellenbeschreibung für den Nachfolger: Verein am Rande des finanziellen Abgrunds sucht sparsamen Schwaben, der auch mit billigen Talenten arbeitet. Trainer wurde: Jens Keller (Trainer der U19 vom VfB Stuttgart bis 2009). Unser neuer Trainer, wenn wir wie Schalke wären: Tayfun Korkut (Trainer der U19 vom VfB bis 2011).
TSG Hoffenheim – Letzter Rauswurf: Marco Kurz (02.04.2013). Stellenbeschreibung für den Nachfolger: Emotionslose Retorte sucht Trainer für emotionale Ausraster an der Seitenlinie und ständige Beeinflussung der Schiedsrichter. Trainer wurde: Markus Gisdol. Unser neuer Trainer, wenn wir wie die TSG wären: Werner Lorant (da Jürgen Klopp für uns zu teuer wäre).
1.FC Nürnberg – Letzter Rauswurf: Michael Wiesinger (07.10.2013). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Letzter Arbeitsplatz in der Nähe der deutsch-holländischen Grenze, Frisur wie ein Hobbit. Trainer wurde: Gertjan Verbeek. Unser neuer Trainer, wenn wir wie Nürnberg wären: Stefan Krämer (zuletzt Arminia Bielefeld).
Han*over 96 – Letzter Rauswurf: Mirko Slomka (27.12.2013). Stellenbeschreibung für den Nachfolger: Die internationale Marke 96 sucht einen Nationaltrainer. Zur Not auch aus Osteuropa. Zur Not auch dessen Co-Trainer. Trainer wurde: Tayfun Korkut (Ex-Co-Trainer Türkei). Unser neuer Trainer, wenn wir wie 96 wären: Wolfgang Rolff (Co-Trainer Aserbaidschan).
Hamburger SV – Letzter Rauswurf: Bert van Marwijk (15.02.2014). Einstellungskriterium für den Nachfolger: Sollte erst vor wenigen Wochen bei einem Tabellennachbarn aus dem Norden rausgeflogen sein. Trainer wurde: Mirko Slomka. Unser neuer Trainer, wenn wir wie der HSV wären: Bert van Marwijk.
VfB Stuttgart – Letzter Rauswurf: Thomas Schneider (09.03.2014). Einstellungskriterium für den Wunschnachfolger: War Teamkollege beim größten nationalen Erfolg des sportlichen Leiters Fredi Bobic (Pokalsieger mit dem VfB 1997), Krassimir Balakov. Nach dem Veto des Präsidenten wurde es dann der Trainer des UEFA-Cup-Siegers aus dem gleichen Jahr, 1997, Huub Stevens. Unser neuer Trainer, wenn wir wie Stuttgart wären: Marc Arnold (Deutscher Meister mit dem BVB 1995) hätte den Job seinem damaligen Mitspieler Andreas Möller (zuletzt Trainer bei Viktoria Aschaffenburg) angeboten. Nach dem Veto von Eintrachts Präsidenten Ebel hätte man dann den Trainer des UEFA-Cup-Siegers von 1995, Nevio Scala, geholt. Scala war mal Trainer in Dortmund, zuletzt bei Spartak Moskau. Womöglich lebt er seit seiner letzten Niederlage im November 2004 in sibirischer Verbannung.

Ich gebe zu, dass ich die Enttäuschung des Chefredakteurs der Sport-Bild jetzt sehr gut verstehen kann. Welch tolle Stories Eintrachts Trainersuche hätte liefern können, wenn wir wie andere Erstligisten wären, die im Tabellenkeller schnell mal ihre Trainer feuern. Doch wir sind anders. Und deshalb wurde der Vertrag mit Torsten Lieberknecht – zum Glück! – verlängert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*