Mein erstes Auswärtsspiel: Wolfsburg in Braunschweig

On 16. März 2014 by gialloblu

wolfsburgEs ist Samstag und mein VfL freut sich aufs letzte der vier Derbys in dieser Saison, auswärts beim Absteiger aus Braunschweig. Deshalb besorgte ich mir – zum ersten Mal überhaupt – Karten für ein Auswärtsspiel: für mich und für meinen Nachbarn Maikel, ebenfalls VfL-Fan, ebenfalls aus dem Dorf Weyenwedel am Klötzer Forst. Als dann aber das Wetter Anfang der Woche so schön war, versprach Maikel seiner Frau dummerweise, dass er am Samstag den Rasen vor dem Haus vertikutiert. Daraufhin gab ich die zweite Karte an meinen Schwiegervater weiter. Pech für Maikel: Seit Freitag ist hier in der Gegend Herbstwetter, bei Regen kann er den Rasen nicht vertikutieren, doch seine Karte ist schon weg. Egal, sagt Maikel. Er wird sich nachher die Bundesliga-Konferenz auf Sky angucken. Wie immer, wenn Wolfsburg auswärts spielt und nicht in HD in der Einzelspielauswahl gezeigt wird.

Jetzt, wenige Minuten vor dem Anpfiff, sitz ich also zusammen mit Klaus, meinem Schwiegervater, im Gästeblock. Zuletzt war er in den Achtzigern mal live im Stadion, als noch kein Mensch zum VfL ging. Der alte Mann erzählt, von wieviel Brauereien es hier Freibier gab, als Braunschweig vor hundert Jahren Meister wurde. Hatte gar nicht gewusst, dass er hier schon mal im Stadion war. Bloß gut, dass ich ihm vorhin eine VW-Basecap aufgesetzt habe. GTI steht vorne auf der Kappe. Klaus sieht wie aus ein richtiger VfL-Fan!

„Willst du mal sehen, wie so eine Meisterfeier im 21. Jahrhundert aussieht?“, frage ich Klaus und zeige ihm ein paar Handyfotos. „Hier Bilder vom Autokorso. Josué mit dem Meisterpokal. Guck mal, ein Bentley. Dzeko. Ein Lamborghini. Ministerpräsident Wulff. Trainer Magath. Ein Phaeton. Der Herr Winterkorn. Der hätte am Montag nach der Meisterfeier ruhig mal mit grün-weißem Schal zur Arbeit kommen können!“

Aus der Ferne sah ich ihn am Montag nach der Meisterfeier, denn ich arbeite im Bereich Controlling bei VW, wo ich die Kosteneffizienz in den Werkskantinen überwache. VfL-Fan bin ich schon immer gewesen, also seit dem Umzug in die VW-Arena vor zwölf Jahren. Eine der Dauerkarten, die auf meine Abteilung läuft, kann ich bei fast jedem Heimspiel nutzen. Zumindest gegen unattraktive Gegner wie Frankfurt oder Düsseldorf. Leider eher selten für unsere Spitzenspiele gegen Bayern oder Dortmund.

„Guck mal, sowas nennt man eine Choreo“, sag ich zum Schwiegervater, als vorm Einlauf der Mannschaften ein paar Ultras grüne Plastikplanen in die Luft halten. „Machen die das, weil sie zu einem grünen Plastikverein halten?“, fragt er zurück. „Der VfL ist kein Plastikverein“, erkläre ich ihm. „Der VfL ist ein Traditionsverein. War sogar Gründungsmitglied der zweigleisigen zweiten Liga.“ „Genauso wie Barmbek-Uhlenhorst“, antwortet der Alte, der über den Fußball in der Nachkriegszeit wohl ein wenig Bescheid weiß. „Vor der Gründung der Bundesliga spielte der VfL immer in der höchsten Spielklasse, der Oberliga“, setze ich einen drauf. Mein Schwiegervater grinst. „Das schaffte Concordia Hamburg bestimmt auch,“ sagt er. „Die Nordvereine hatten ja ihre eigene Oberliga.“

Plötzlich brennen drüben im Stehplatzblock ein paar Pyros, ätzender Rauch weht zu uns rüber. Mit ihrem Verhalten beschädigen diese dummen Kinder das positive und sichere Image, das unsere Marke Volkswagen und unser Verein hat! Werde am Montag in einer Mail an meinen Controlling-Kollegen im Marketing vorschlagen, dass der VfL mal ernsthaft die Subventionen für Fanclubs kürzt. Wahrscheinlich wird der Idiot wieder zurückschreiben, dass er ultratypische Aktionen unterstützt, weil Ultra-Aktionen im VfL-Block positive Brand Awareness im Segment der Jungkunden und Erstkäufer bildet.

Unten auf dem Rasen geht alles seinen gewohnten Gang: Qualitativ hochwertige Spitzenmannschaft, für 100 Millionen zusammen gekauft, gegen eine Gurkentruppe, für eine Million auf dem Grabbeltisch gefunden. Eins null durch Gustavo, 16 Millionen Ablöse. Wie so oft, wenn Wolfsburg führt, ist die Stimmung richtig gut. Innerlich singe ich ebenfalls mit: Olé VfL, Du bist mein Verein, und so weiter. Ich singe nur innerlich, denn als einziger hier im Sitzplatzbereich, der laut singt, käme ich mir blöd vor. Aber ich erkenne an den Gesichtern vieler anderer, dass sie ebenfalls innerlich mitsingen. Auf dem Handy eine Message von meinem Nachbarn Maikel: „Fahr nach Tangermünde / Baumarkt. Keine BuLi im Radio. Nachher Sportschau, 5 wob Tore gucken. Keine Zwischenstände!“ Zehn Minuten vor der Pause gehe ich für Klaus und mich ein Alkoholfreies kaufen. „Wieso kann ich hier nicht mit meiner VfL-Karte bezahlen? Da drüben steht doch auch ein VW-Werk!“

Kurz nach der Pause passiert das Unfassbare: Unsere Abwehr pennt und die Braunschweiger Billigtruppe gleicht aus. Mein Schwiegervater lacht und klatscht in die Hände. Ansonsten absolute Ruhe im Gästeblock, abgesehen von dem üblichen „Hecking raus“, „Mannmannmann“ und „Ich fass es nicht“. Stimmung kommt in Hälfte zwei nur drei Mal auf: Das erste Mal bei unserem „Wir wolln euch kämpfen sehn!“. Das zweite Mal, als der Braunschweiger Zehner vor dem Fanblock auf der Tartanbahn rollt, weil er ein bisschen geschubst wurde. Das dritte Mal, als der gleiche Simulant nach seiner Auswechslung, von Sanis gestützt, vor unserem Block vorbei humpelt. „Auf Wiederseh’n! Auf Wiederseh’n!“ Nicht nur innerlich, sondern richtig laut grölt da sogar mal der Sitzplatzbereich mit!

Auf der anderen Seite im Stadion, auf dieser flachen Sitzplatztribüne hinter der Seitenlinie, ist lautes Gegröle wohl Standard: Viele Eintracht-Fans stehen, klatschen, feuern durchgehend ihre Mannschaft an, machen Lärm: Kämpfen bis zum Ende, 1967, Eintracht ist mein Verein und wirds immer sein, Trallalla. Wie kann man sich so begeistern, wenn die eigene Mannschaft nur Unentschieden spielt? Offensichtlich haben wir Wolfsburger höhere Ansprüche als die Braunschweiger. Schreibe eine Message an Maikel: „Noch im Baumarkt? Brauch Gerätehalter für Gartenlaube. Thx!“ In der Reihe hinter mir diskutieren drei Fans, ob sie jetzt schon nach Hause fahren, oder ob sie zum Auspfeifen der Mannschaft nach dem Abpfiff bleiben. Meine Meinung: Mit Stürmern unter 10 Millionen Ablöse kannst du keine ambitionierten Ziele verfolgen. Da muss der Verein mal 20 Millionen in die Hand nehmen für einen Gomez oder Mandzukic. Machen wir in den Werkskantinen aus dem Wiener Schnitzel halt ein Schnitzel Wiener Art, streichen die Salat-Deko, dann hat VW das Geld ruckzuck an anderer Stelle eingespart.

Um fünf nach fünf, auf unserem Weg zurück zum Auto, nervt mein Schwiegervater: „Sowas macht man doch nicht, dass man einfach schon vor dem Schlusspfiff abhaut.“ Hör auf, von früher zu erzählen. Damals, ’67, mag das ja so gewesen sein. Als zahlender Kunde erwartet man heutzutage jedoch eine gewisse Gegenleistung. Zwei Grün-Weiße, ebenfalls auf ihrem Weg zum PKW, stimmen mir zu: „Treuere Fans als uns VfL-Fans findeste nirgends! Voller Auswärtsblock heute! Und was machen unsere Profis?! Wenn ich nächste Schicht mit soviel Einsatz maloche, wie die in der zweiten Halbzeit gespielt haben… Ey, hör mir auf!“

Auch ich muss an Montag denken. Kann mir nicht vorstellen, dass Herr Winterkorn mit grün-weißem Schal zur Arbeit erscheinen wird.

2 Responses to “Mein erstes Auswärtsspiel: Wolfsburg in Braunschweig”

  • So wie es zZ. aussieht, kannste schon den Bleistift fuer den Brauseklub anspitzen. )..;

  • Also ich mag gar kein fussball aber den nagel hast du auf den kopf getroffen (fast) es geht ums geld und wenn ein „100million€“ mannschaft die vom zweitgrössten autohersteller der welt finanziert wird,gegen ein „1million€“ mannschaft,(die so gesehen,von den selben autohersteller finanziert wird(vwag))nur ein unentschieden schafft brauchen wir ja gar keine ligen mehr!!! Nett geschriebene artikel!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*