Lieber kicker

On 18. Dezember 2015 by togo
Der Kicker reagiert beleidigt. Quelle: Screenshot der Kicker-App für Android

Der Kicker reagiert beleidigt. Quelle: Screenshot der Kicker-App für Android

Dich gibt es schon seit fast einhundert Jahren. Du bist, da gibt es wohl keine zwei Meinungen, in Deutschland die wichtigste Publikation im Bereich Fußball. Dein Wort hat Gewicht.

Umso unverständlicher ist es, wie fahrlässig Du mit dieser Meinungsmacht manchmal umgehst. Als am Mittwochabend der Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart die Braunschweiger Eintracht aus der 2. Bundesliga empfing und von den Löwen an den Rand einer Niederlage gebracht wurde, haben das leider nur relativ wenige Menschen mitbekommen. Einerseits hatte sich das Stuttgarter Publikum ausgerechnet diese Partie ausgesucht, um einen anscheinend schon längere Zeit geplanten Besuchsboykott umzusetzen. Außerdem war die Partie im Fernsehen nur im Bezahlfernsehen zu sehen, was viele Menschen, die nicht mal eben 17 Euro im Monat übrig haben, und das werden immer mehr, von der Teilhabe ausschoss. Diese Menschen vertrauen also darauf, dass andere Medien, an die sie einfacher und preiswerter herankommen, objektiv und fair berichten. Lieber Kicker, genau das ist Deine Aufgabe: Objektiv und fair berichten.

Diese Aufgabe erfüllst Du nicht immer. Schuld daran ist meiner Meinung nach ein fetter Fehler im Redaktionssystem. Du nutzt für Deine umfangreiche Berichterstattung eine Vielzahl freier Mitarbeiter. Kein Vorwurf: Anders ist es gar nicht zu schaffen. Diese freien Mitarbeiter sitzen in der Regel in lokalen Zeitungsredaktionen. Das heißt also, dass die Artikel über einen Verein in der Regel von Redakteuren stammen, die sich im Umfeld dieses Vereins auskennen, weil sie genau diesen Job bereits für ihren Haupt-Arbeitsgeber, die Lokalzeitung, ausüben. Und genau das ist das Problem. Denn, für eine bundesweite Publikation muss man anders schreiben als für den Platzhirschen vor Ort. Die Leserschaft besteht nicht mehr aus den Fans eines einzelnen Vereins. Es lesen auch die Anhänger des Gegners mit. Die Vereinsbrille hat hier also nichts zu suchen.

Als gestern, am Tag nach dem Pokalspiel, die Kicker-Noten der Braunschweiger Spieler die Runde machten, war die Empörung groß. Denn wirklich, diese Noten hatten mit dem Gesehenen wenig zu tun. Da hat ein beleidigter Fan des VfB Stuttgart den Zweitligisten dafür abstrafen wollen, dass er es gewagt hat, seinen Verein an den Rand einer Niederlage zu bringen. Torwart Rafal Gikiewicz zum Beispiel hat im Verlauf der Partie eine Großzahl Stuttgarter Chancen entschärft. Der Sky-Kommentator lobte den Polen immer und immer wieder. Sogar im Kicker-Spielbericht steht wortwörtlich: „BTSV-Wand Gikiewicz überzeugt“. Und was macht Dein Notengeber? 4,5! Diese Note bekommt normalerweise ein Torwart, der zwei, drei 80%ige verhindert und dann bei der einzigen echten Situation hinter sich greifen muss. Und das ist überzeugend? Ich bitte Dich!

Und generell die Verteidiger, Baffo (5), Decarli (4), Reichel (5). Eine Abwehr, die reihenweise Flanken abgefangen hat, Pässe abgegrätscht, Gegner abgelaufen. Mit Fehlern, natürlich, sonst hätte es keine drei Gegentore gegeben. Aber, lieber Kicker, wir sprechen hier von einem Duell Bundesliga gegen Zweite Liga, im Stadion des Bundesligisten irgendwo nahe der französischen Grenze. Die können gar nicht so schlecht gewesen sein. Den Rest der Noten schenke ich mir und uns, denn keiner der Pokalhelden hat vom Kicker mehr als eine 4 bekommen.

Lieber Kicker, das ist doch lächerlich. Der Zweitligist hat dem Bundesligisten mehr als widerstanden, und hätte Schiedsrichter Peter Sippel einen Hintern in der Hose gehabt und in der 113. Minute diesen eindeutigen Elfmeter gegeben, wäre die Eintracht wahrscheinlich weitergekommen. Einen solchen Pokalfight mit diesen Noten abzustrafen, ist eine Frechheit. Ich komme noch einmal auf Deine Aufgabe zurück: Weil vergleichsweise wenige Menschen das Spiel live mitbekommen haben, ist Deine Bewertung für viele relevant. Dann nimm, verdammt nochmal, diese Aufgabe auch ernst. Und erkläre Deinen freien Redakteuren einmal den Unterschied zwischen einem Stuttgarter-Nachrichten-Fanboy und einem bundesweit publizierten Autoren. Danke.

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