In der Loge zu Hause

On 17. Januar 2018 by togo

Immer mehr Fans von Borussia Dortmund wollen das erste Montagsspiel der Fußball-Bundesliga boykottieren. Top-Sportjournalist Pit Gottschalk fehlt dafür das Verständnis.

Meinungsmeldungen von Pit Gottschalk sind vorhersehbar. Das gespaltene Verhältnis des Sportchefs der Funke-Mediengruppe zu den Fanszenen der Fußballclubs wird in seinen Textbeiträgen immer wieder deutlich. Verlässlich ergreift er Partei für den vermeintlich Stärkeren – für die Verbände, für die Vorstände, fürs „Establishment“. Folgt man seinen Argumentationsketten, dann ist die Kommerzialisierung im Fußball eh nicht mehr aufzuhalten (wahrscheinlich richtig) und Fanproteste sind sowieso sinnlos (kann auch sein). Verständnis für die Subkulturen, für diese gewachsenen eigenen Welten, hat Gottschalk nicht.Das bewies der Medienprofi jetzt erneut mit einer Positionierung zum Dortmunder Fanboykott. Den findet er nämlich immerhin sympathisch, aber eben doch falsch. Gottschalk stört das pauschale „Nein“ des „Dortmunder Bündnisses Südtribüne“ zu Montagsspielen in der Bundesliga. Schließlich stelle dieses Datum keine größeren Anforderungen an die Fans als Spiele unter der Woche in Pokalwettbewerben, sagt er. Und überhaupt gehe es ja nur um fünf Spieltage pro Saison. Reichlich viel Protest also gegen etwas, das doch gar nicht der Rede wert ist. Zumal ja die zweite Bundesliga dann nicht mehr montags spielen müsse („Solidarität“), und es gebe ja auch mehr Geld. Also eigentlich alles tutti?

Gottschalk zeigt in seinem Meinungsstück, dass er zwar in den Logen unterwegs sein mag, aber nicht in den Kurven. Er belächelt die Fans, weil er nicht versteht, was sie antreibt und wofür sie brennen. Natürlich weiß Gottschalk, dass diese fünf Montagsspiele nur der Türöffner sind. Ebenso, wie einmal Spiele am Freitagabend, gefolgt von Sonntagsspielen, Türöffner waren. Wenn es funktioniert und der Protest nicht zu stark ausfällt, wird der Spieltag noch weiter zerstückelt, bis keine zwei Partien mehr zeitgleich laufen. Die Vermarkter haben ein durchaus legitimes Interesse daran, jedes Bundesligaspiel einzeln zu präsentieren, ohne Konkurrenz. Fokussierte Aufmerksamkeit auf ein Solo-Spiel, das bedeutet höhere Werbeeinnahmen. Wenn Gottschalk den „Tabu-Bruch“ Montagsspiele also klein redet, dann zeigt es seine Sympathien für diese Systematik.

Fast schon albern wird der ehemalige Chef der Sport-Bild, als er alternative Protestformen vorschlägt. Sein erster Einfall: Plakate hochhalten. Das passiert in der zweiten Bundesliga ständig, die DFL beeindruckt es kein bisschen. Punkt zwei – Interviews mit Medien. Gehen Sie voran, Herr Gottschalk! Bieten Sie den Fanvereinigungen ein unvoreingenommenes, faires Forum in den Publikationen der Mediengruppe Funke. Sie haben es schließlich selbst in der Hand, diesen Punkt umzusetzen. Und zuletzt: Unterschriften sammeln. Wenn massive Proteste die DFL nicht interessieren, also Spruchbänder, Gesänge, Boykotte (die gab es ja auch in anderen Zusammenhängen bereits einige Male), was sollen dann Unterschriftenlisten bringen?

Letztendlich ist das genaue Gegenteil dessen, was Pit Gottschalk vertritt, richtig. Der Profifußball steht nicht für sich allein, er ist Teil eines großen Ganzen. Bereits die Ausdehnung der Bundesliga-Spieltage auf den Sonntag hatte massive negative Auswirkungen auf den Amateurfußball. Zuschauer und sogar Spieler bleiben den Spielen in der Kreisliga fern, weil sie im Stadion oder vor dem Fernseher Bayern München oder Borussia Dortmund schauen. Der Protest gegen diese Entwicklung ist aus Sicht des Sports also dringend notwendig. Wenn die größte, massivste, lauteste Fankurve der Bundesliga beim ersten Montagsspiel leer bleibt, dann ist es ein mächtiges Zeichen. Eines, über das berichtet werden muss und das um die Welt geht. Eines, das kein Ausdruck ist von Egoismus, sondern im Gegenteil von Solidarität mit dem Volkssport Fußball, mit all diesen kleinen Vereinen auf Bezirks- und Kreisebene.

Die Überkommerzialisierung des Fußballs wird vor dem Platzen der Blase weder die Dortmunder Fanszene aufhalten können noch eine andere. Trotzdem ist es gut, wenn die Kurven sich positionieren. Dafür haben sie Respekt verdient und Unterstützung, zumindest aber Empathie. Auch dann, wenn man, wie Pit Gottschalk, überhaupt nicht mehr weiß, wie die Kurve tickt.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*